Also: die Lehre der „Aestheten" behauptet mit den Par-nassiern, daß das Kunstwerk Selbstzweck ist, mit den Diabo-likcru, daß es nicht sittlich zu sein braucht, ja besser unsittlichist, mit den Decadenten, daß es Natürlichkeit und Wahrheitvermeiden und ihnen gerade entgegengesetzt sein soll, und mitallen diesen ichsüchtigen Entartungs-Schulen, daß die Kunsthöher steht als jede andere menschliche Verrichtung.
Hier ist der Ort, das Unsinnige dieser Aufstellungen nach-zuweisen. Natürlich wird es nur in gedrängtester Kürze ge-schehen können. Denn, wollte man das Verhültniß des Schönenzum Sittlichen und Naturwahren, den Zweckbegriff im Kunst-schönen und den Rang der Kunst in den Geistesverrichtnngenausführlich behandeln, so müßte man einfach die ganze Wissen-schaft der Aesthetik vortragen, deren einigermaßen erschöpfendeLehrbücher immer mehrere Bände stark sind, und dies kannhier nicht meine Absicht sein. Ich werde also nothgedrungennur letzte Ergebnisse in eine Reihe von möglichst klaren undeinleuchtenden Sätzen zusammenfassen, die der aufmerksameLeser in eigenem Nachdenken unschwer wird entwickeln können.
Die Kunstbonzen, welche den Selbstzweck des Kunstwerksverkünden, sehen hochnäsig auf alle Leugner ihres Dogmashinab und behaupten, daß die Ketzer, die dem Kunstwerk einenZweck irgendwelcher Art zuschreiben, nur hartfellige Philistersein können, die lediglich für Pökelfleisch mit dicken ErbsenVerständniß haben, oder Börsenjobber, die immer blos nachdem Profitchen fragen, oder augenverdrchende Pfaffen, die be-rufsmäßig Tugend heucheln. Sie glauben sich dabei auf Männerwie Kant, Lessing u. s. w. stützen zu können, die ebenfalls derAnsicht waren, das Kunstwerk habe nur eine einzige Aufgabe,die, schön zu sein. Die großen Namen dieser Gewährsmännerbrauchen uns nicht einzuschüchtern. Ihre Ansicht widersteht derKritik nicht, die seit hundert Jahren von einer großen AnzahlPhilosophen (ich nenne nur Fichte, Hegel und Bischer) an ihr