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Die Jch-Sucht.
Für uns, die wir im 19. Jahrhundert leben, ist jedes Jahrhundertein geeigneter Kunstvorwurf, ausgenommen unser eigenes. Dieeinzigen schönen Dinge sind die, welche uns nichts angehen. . .Gerade weil Hecuba uns nichts ist, sind ihre Schmerzen ein sogeeigneter Gegenstand für ein Trauerspiel?) Die dritte Lehreist die, daß das Leben die Kunst sehr viel mehr nachahmt alsdie Kunst das Leben. Dies ist die Folge nicht blos des Nach-ahmungstriebes des Lebens, sondern auch der Thatsache, daßes das bewußte Ziel des Lebens ist, Ausdruck zu finden, unddaß die Kunst ihm gewisse schöne Formen bietet, durch welchees dieses Bestreben verwirklichen kann." (S. 43ff.) Wohlgemerkt:mit diesem dritten Punkte, dem Einfluß der Kunst ans das
>) Vergl. danut, Kant, Kritik der Urtheilskraft, herausgegebenund erläutert von I. H. v. Kirchmann. Berlin, I86V, S. 6ö: „AllesInteresse verdirbt das Geschmacksurtheil und nimmt ihm seine Un-parteilichkeit, vornehmlich, wenn es nicht, so wie das Interesse derVernunft, die Zweckmäßigkeit vor dem Gefühle der Lust voranschickt,sondern sie auf diese gründet; welches Letztere allemal im ästhetischenUrtheil über etwas, sofern es vergnügt oder schmerzt, geschieht." Dieheutige Psycho-Physiologie hat diese Anschauung Kants als irrig er-kannt und nachgewiesen, daß „das Gefühl der Lust" an sich ursprün-lich ein Gefühl organischer „Zweckmäßigkeit" ist und daß ein „Geschmacks-urtheil" ohne „Interesse" (die Psycho-Physiologie gebraucht statt „In-teresse" die Worte „organische Tendenz" oder „Neigung") überhauptnicht vorkommt. Uebrigens sagt Wilde, dem es auf Widersprüchegegen seine flotten Behauptungen nicht ankommt, S. Iö3 der „luton-rious^ genau das Gcgentheil von dem, was die oben angeführteStelle enthält. „Ein Kritiker," heißt es dort, „kann nicht im gewöhn-lichen Sinne des Wortes gerecht sein. Nur über Dinge, die einennicht intercssircn, kann man eine wirklich unbeeinflußte Meinung ab-gebcn. Dies ist ohne Zweifel der Grund, weshalb eine unbeeinflußteMeinung immer vollständig werthlos ist. Der Mann, der beide Seiteneiner Frage sieht, ist ein Mann, der schlechterdings gar nichts sieht."Also muß Hecuba dein Kritiker doch etwas sein, damit er sie überhauptkritisiren könne?