Druckschrift 
2 (1893)
Entstehung
Seite
114
Einzelbild herunterladen
 

114

Die Jch-Sucht.

gemacht und sich durch seine Hebung gekräftigt haben, und dasist ein positiver Nutzen für den Organismus, der wohl fastimmer jenen negativen Schaden mindestens auswiegt.

Und dann ist bei allen diesen Betrachtungen die vollkommeneGesundheit des Organismus vorausgesetzt, denn nur in dieserarbeiten sowohl das Unbewußte wie das Bewußtsein normal.Wir haben aber oben gesehen, daß auch das Unbewußte derKrankheit unterworfen ist; es kann dumm, stumpf und verrücktsein wie das Bewußtsein; dann hört cs vollständig auf, zu-verlässig zu sein; dann sind die Triebe als Führer so wcrthloswie Blinde oder Betrunkene; dann muß der Organismus, wenner sich ihnen überläßt, in Verderben und Tod taumeln; daseinzige, was ihn dann manchmal retten kann, ist die beständige,ängstliche, angespannte Wachsamkeit des Urtheils und da diesesmit seinen eigenen Mitteln sich niemals gegen ein großes Heerempörter, tobender Triebe behaupten kann, so muß es sich Ver-stärkung bei dem Urtheil der Gattung, das heißt bei irgendeinem Gesetz, bei irgend einer anerkannten Sittlichkeit holen.

Das ist die aberwitzige Verirrung der „Pfleger des Jchs":in denselben Fehler fallend wie die seichten Psychologen des acht-zehnten Jahrhunderts, die nur die Vernunft anerkannten, sehensie blos einen Theil des menschlichen Geisteslebens, sein Unbe-wußtes; sie wollen ihr Gesetz nur vom Triebe empfangen, über-sehen aber ganz, daß der Trieb entarten, erkranken, sich er-schöpfen kann und dann als Gesetzgeber so unbrauchbar wirdwie ein Tobsüchtiger oder ein Idiot.

Barras widerspricht übrigens seinen eigenen Theorien ansSchritt und Tritt. Während er zu glauben vorgibt, daß dieTriebe immer gut sind, schildert er in den Ausdrücken zärtlich-ster Bewunderung manche seiner Heldinen als wahre sittlicheUngeheuer. Die „kleine Prinzessin" im „Feinde der Gesetze"ist ein weiblicher des Esseintes; sie rühmt sich, daß sie als Kind„die Geißel des Hauses war" (S. 146). Ihre Eltern „betrachtete