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Die Jch-Sucht.
treibend, gibt von diesem angeblichen Latein des fünften Jahr-hunderts folgende Schilderung: st „Die lateinische Sprache,nunmehr vollkommen verfault, hing herab (!), verlor ihre Glied-maßen, troff van ihrem Eiter und bewahrte in der ganzen Ver-jauchung ihres Leibes kaum einige feste Theile, welche dieChristen loslvsten, um sie in der Lake ihrer neuen Sprache zubeizen."
Dieses Schwelgen in Krankheits- und Ekel-Vorstellungeneines Gestörten mit Geschmack-Verderbniß ist ein Deliriumund hat keinerlei Begründung in den sprachgeschichtlichen That-sachen. Das Latein der späten Verfallszeit war roh und fehler-haft in Folge der zunehmenden Sitten- und Geschmacks-Ver-wilderung der Leser, der Gcistesenge und grammatikalischenUnbildung der Schriftsteller und des Eindringens barbarischerBestandtheile in seinen Wortschatz, aber weit entfernt, „neueAbstufungen des Gefühls und Gedankens auszudrücken" und„von allen Paletten Farben zu nehmen", fällt es im Gegen-theile durch seine Unbeholfenheit in der Wiedergabe der ein-fachsten Denkvorgänge und durch seine tiefe Verarmung auf.Unsere Sprache hat ja eine ähnliche Verfallszeit durchgemacht:nach dem dreißigjährigen Kriege waren selbst die besten Schrift-steller, ein Moscherosch, Zinkgref, Schupp mit ihren „lang-athmigen und verzwickten Perioden" und „ihrer ebenso ver-wickelten als steifen Haltung oft beinahe ganz unverständlich"),die Grammatik zeigte die schlimmsten Unformen, den Wort-schatz überwucherten fremde Eindringlinge, aber das Deutschjener trostlosen Jahrzehnte war sicherlich nicht „decadent" imSinne der Erklärungen, die Gautier, Baudelaire und Huys-mans von dem Worte geben. Die Wahrheit ist, daß diese
st I. K. Huysmans, 4. rsbonrs. mills. Paris, 1882. S. 49.
st Heinrich Kurz, in seiner Einleitung zu Grimmelshausens Sim-plicianischen Schriften, Leipzig, 1863. Erster Theil, S. UI. Siehe auchseine Bemerkungen über Grimmelshausens Deutsch, S. XUV ff.