Druckschrift 
2 (1893)
Entstehung
Seite
92
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büchern Anleihen macht, der von allen Paletten Farben nndvon allen Tastwerken Töne nimmt, der sich anstrengt, das Un-aussprechlichste des Gedankens und die unbestimmtesten undfliehendsten Umrisse der Form wiederzugeben, der, um sie aus-zudrücken, auf die spitzfindigen Bekenntnisse der Nevrose, aus dieGeständnisse der alternden und verderbenden Begierde und aufdie seltsamen Sinnestäuschungen der in Wahnsinn übergehendenfixen Idee horcht. Dieser Stil der Decadenz ist die höchsteLeistung des Wortes, dem befohlen wird, Alles darzustellen,und das bis zur äußersten Uebertreibung gehetzt ist. Man kannan die schon vom Grün der Verwesung marmorirte und gleich-sam wildernde Sprache der spütrömischen Kaiserzeit und an dieverwickelten Verfeinerungen der byzantinischen Schule erinnern,diese letzte Form der griechischen Kunst, die der Verflüssigunganheimgefallen ist; aber das ist eben die nothwendige und un-ausbleibliche Sprache der Völker und Gesittungen, bei denendas künstliche Leben das natürliche ersetzt und beim Menschenunbekannte Bedürfnisse entwickelt hat. Er ist übrigens nichtleicht, dieser von den Schulfüchsen verachtete Stil, denn erdrückt neue Gedanken mit neuen Formen und Worten aus,die man noch nicht gehört hat. Im Gegensätze zum klassischenStil läßt er Schatten zu und in diesem Schatten bewegen sichverworren die Unholde des Aberglaubens, die grauenhaften Ge-spenster der Schlaflosigkeit, die Nachtschrecken, die Gewissensbisse,die beim leisesten Geräusche zusammenfahren und sich umsehen,die ungeheuerlichen Träume, denen blos die Ohnmacht Einhaltgebietet, die dunkeln Einbildungen, über die der Tag sich wun-dern würde, und Alles, was die Seele am Grund ihrer tiefstenund letzten Höhle des Finstern, Formlosen und verschwommenGräßlichen in sich verbirgt." Dieselbe Vorstellungsreihe, dieGautier in diesem Galimathias ungefähr ausdrückt, kleidetBaudelaire in diese Worte:Scheint es dem Leser nicht wie

mir, daß die Sprache des letzten lateinischen Verfalls, der End-