II. Parnassier und Diaboliker.
85
platze für Baudelaire geworden; er ist ein „Mystistkateur"; esist Alles nur Täuschung; er selbst fühlt und glaubt nichts vondem, was er in seinen Gedichten ausdrückt. Das ist aberFaselei und nichts anderes. Ein leeres Stroh dreschender,Papierschnitzel kräuselnder Rhetor von der Art Bourgets magglauben, daß ein innerlich freier Mensch sein ganzes Lebenlang künstlich die Haltung eines Galeerensträflings und Toll-häuslers beibehalten kann, wohlwissend, daß er nur Komödiespielt. Der Kundige weiß, daß schon die Wahl einer Haltunggleich der Baudelaireschen ein Beweis tiefer Störung ist. DieIrren Heilkunde hat festgestellt, daß die Personen, die miteiniger Ausdauer Wahnsinn heucheln, selbst wenn es, wie beiangeklagten Verbrechern, zu einem vernünftigen Zwecke geschieht,nämlich um der Strafe zu entgehen, fast ohne Ausnahme tat-sächlich geisteskrank sind*), allerdings nicht in dem Grade, den
') CH. I. I. Sazaret, löknäo sur 1a Simulation äs 1a lolis.Nancy, 1888. Diese Schrift eines Anfängers, die eine brauchbareZusammenstellung von Krankengeschichten enthält, ist darum besondersergötzlich, weil alle Beobachtungen, die der Verfasser anführt, genaudas Gegentheil von dem beweisen, was er zu beweisen beabsichtigt.Nachdem er (S. 22) selbst festgestellt hat, daß „die Opfer der Hysteriesehr geneigt sind, alle möglichen Krankheiten zu heucheln", sagt er(S. 20): „Geisteskranke heucheln manchmal Wahnsinn. Der Fall istselten, aber er ist doch festgestellt worden und wenn man ihn nichtöfter verzeichnet hat, so ist es, glauben wir, weil man sich auf eineoberflächliche Untersuchung beschränkt und gewisse Handlungen nichtzergliedert hat". Der Fall ist so wenig selten, daß er sich in jedervon Sazaret angeführten Beobachtung Nachweisen lässt: Im FalleBallairgers (2. Beob.) war die angebliche Simulantin acht Jahre vor-her als sehr echte Wahnsinnige in einer Irrenanstalt gewesen; imFalle Morels (4. Beob.) hat der Simulant „beim Anblick einer Lan-zette wahre Nervenanfälle", was doch deutliche Aichmophobie und einbestimmtes Entartungszeichen ist; in der 6. Beobachtung gibt Morelzu, daß „die Absonderlichkeit des Beobachteten, seine Angst vor Gift"(also ausgesprochene Jophobie!) „und die Thatsache, daß er Unrathaufliest, eine mögliche Geistesstörung anzeigen"; der Fall Fovilles