Druckschrift 
2 (1893)
Entstehung
Seite
86
Einzelbild herunterladen
 

86

Die Ich-Sucht.

sie darzustellen suchen, wie auch der Hang, sich eingebildeterVerbrechen zu bezichtigen oder zu rühmen, ein bekanntes An-zeichen der Hysterie ist. Die Versicherung Baudelaires selbst,daß sein Satanismus nur eine einstudirte Rolle ist, hat keinerleiWerth. Wie die höheren Entarteten so häufig, fühlt er inseinem tiefsten Innern, daß seine Verirrungen krankhaft, un-sittlich und gesellschaftfeindlich sind und daß alle besseren Men-schen ihn verachten oder bemitleiden würden, wenn sie erst dieUeberzeugung erlangt hätten, daß er wirklich so ist, wie er inseinen Gedichten zu sein sich rühmt; er gebraucht also die kin-dische Ausrede, die auch Missethäter oft genug im Mundeführen,es sei gar nicht ernst gemeint gewesen." Vielleichtauch empfand Baudelaires Bewußtsein ein aufrichtiges Grauenvor den verworfenen Trieben seines Unbewußten und er suchtesich selbst weiszumachen, daß er mit seinem Satanismus diePhilister zum Besten halte. Aber solche nachträgliche Be-schönigung täuscht den Psychologen nicht und ist für sein Urtheilohne Belang.

(10. Beob.)hatte eine gewisse Anzahl Geisteskranker in der Familie";der Fall Legrand du Saulles (18. Beob.)war der Sohn einerHysterikerin und Enkel eines Wahnsinnigen"; der Fall Bonnets undDelacroix' (19. Beob.)zählt Wahnsinnige unter seinen Vorfahren";der Fall Billods (22. Beob.)hat oft Störungen und Delirien aus-gewiesen" u. s. w. Me diese angeblichen Heuchler waren unverkenn-bar geisteskrank und daß sie die Anzeichen ihres Wahnsinns absichtlichübertrieben, war nur ein Beweis mehr für ihre Gestörtheit.