76
Die Jch-Sucht.
flächen breiteten sich blau zwischen rosenfarbenen und grünenUfermauern Millionen Meilen weit, bis an die Grenzen derWelt, aus. Es waren unerhörte Steine und zauberische Fluten;cs waren ungeheure Glasplatten, geblendet von Allem, was siewiderspiegelten. . . Und Alles, selbst die schwarze Farbe, schiengeglättet, hell, schillernd. . . Uebrigens kein Stern, keine Spureiner Sonne, selbst nicht am untern Himmelsrande, um dieseWunder zu erhellen, die in einem persönlichen (!) Feuer glänzten.Und über diesem Zauber schwebte (furchtbare Neuheit! Alles fürsAuge, nichts fürs Ohr!) ein Schweigen der Ewigkeit."
Das ist die Welt, die er sich vorstellt und die ihn ent-zückt: keine „unregelmäßige" Pflanze, keine Sonne, kein Stern,keine Bewegung, kein Laut, nichts als Metall und Glas; alsoetwas wie eine Nürnberger Blechlandschaft, nur größer und austheurerem Stoff, ein Spielzeug für das Kind eines am Protzen-wahnsinn leidenden amerikanischen Millionärs, mit elektrischenLämpchen im Innern und einem Uhrwerk, das langsam diegläsernen Springbrunnen dreht und die gläsernen Wasserflächenschiebt. So muß das Weltideal eines ichsüchtigen Entartetennothwendig aussehen. Die Natur läßt ihn kalt oder stößt ihnab, weil er sie weder wahrnimmt noch begreift. Wo der ge-sunde Mensch das Bild der Außenwelt sieht, da umgibt denIchsüchtigen eine finstere Leere, in der höchstens unverstandeneNebelformen wallen. Um ihrem Grauen zu entgehen, läßt erauf sie wie aus einer Zauberlaterne die farbigen Schatten derVorstellungen fallen, die sein Bewußtsein erfüllen, diese Vor-stellungen aber sind starr, träge, einförmig und kindisch wiedie kranken und schwachen Hirnzentren, die sie ausarbeiten.
Die Unfähigkeit des Ichsüchtigen, äußere Eindrücke richtigzu empfinden, und die Mühsal, mit der sein Gehirn arbeitet, istauch der Schlüssel zur entsetzlichen Langweile, über die Baude-laire klagt, und zu dem tiefen Pessimismus, mit dem er Weltund Leben betrachtet. „Wir haben überall", heißt es in der