64
Die Jch-Sucht.
eine Art Lustmörder, mit der Bourgetschen Theorie vertheidigtund gerechtfertigt!
Derselbe widerliche Theoretiker der ruchlosesten gesellschaft-feindlichen Ichsucht leugnet auch, daß man von einem krankenoder gesunden Geiste sprechen dürfe. „Es gibt", sagt er/)„weder Krankheit noch Gesundheit der Seele, vom Gesichts-punkte des nicht metaphysischen Beobachters gibt es nur Seelen-zustände, denn er erkennt in unseren Schmerzen und Fähig-keiten, in unseren Tugenden und Lastern, in unserm Wollenund Verzichten, blos wechselnde, aber nothwendige, folglich nor-male, den bekannten Gesetzen der Ideen-Assoziation unter-worfene Verbindungen. Blos ein Vorurtheil, in welchem dieveraltete Lehre der Endursachen und der Glaube an einenbestimmten Zweck der Welt wieder zum Vorschein kommen,kann bewirken, daß wir die Liebe von Daphnis und Chloe imThal als natürlich und gesund, die eines Baudelaire als künstlichund ungesund betrachten."
Um diese alberne Sophistik auf ihren wirklichen Werthznrückzuführen, braucht der gesunde Menschenverstand blos aufden Bestand von Irrenanstalten hinzuweisen. Der gesundeMenschenverstand hat aber bei den Schönrednern vom SchlageBourgets kein Stimmrecht. So sei ihm denn mit unverdientemErnste geantwortet, daß zwar in der That jede Lebensäußerung,des Gehirns wie irgend eines andern Organs, die nothwendigeund einzig mögliche Wirkung der sie veranlassenden Ursachenist, daß aber je nach dem Zustande des Organs und seiner ein-fachsten Bestandtheile seine an sich nothwendige und natürlicheThätigkeit dem Gesammtorganismus nützlich oder schädlich seinkann. Ob die Welt einen Zweck hat, mag durchaus dahinge-stellt bleiben; die Thätigkeit aller einzelnen Bestandtheile desOrganismus indeß hat, wenn auch vielleicht nicht den Zweck, so
Bourget, a. a. O. S. 12.