Druckschrift 
2 (1893)
Entstehung
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Die Jch-Sucht.

Unsittlichkeit ist in Wahrheit eine leidenschaftliche Parteinahmefür das Unsittliche und Abscheuliche. Man hatte also in derThat Unrecht, sie mitiiuprrssilülite^ kennzeichnen zu wollen.Wie sie nur gegen die Mitmenschen, nicht aber gegen sich selbstgefühllos sind, so sind sie auch nur gegen das Gute kalt undgleichgiltig, nicht aber gegen das Schlechte, dieses zieht sie viel-mehr ebenso an und erfüllt sie mit ebensolchen Lustgefühlen wiedie gesunde Mehrheit der Menschen das Gute.

Die Thatsache dieser Vorliebe für das Böse ist von vielenBeobachtern gesehen worden und manche haben versucht, ihrphilosophisch beizukommen. In einem Vortrag überdasSchlechte als Gegenstand dichterischer Darstellung" sagt FranzBrentano ft:Da das, was in der Tragödie vorgestellt wird,so wenig wünschenswerth und erfreulich scheint, so legt diesden Gedanken nahe, daß jene Erklärungsgründe" (für dasWohlgefallen, das man daran findet)nicht sowohl in derVorzüglichkeit des Gegenstandes, als in der Rücksicht auf einbesonderes Bedürfniß des Publikums zu suchen seien, dem nurdurch solcherlei Vorstellungen entsprochen werde. . . Sollteetwa der Mensch . . . zeitweise ein Bedürfniß fühlen nachetwas, was ihn schmerzlich aufregt, und sich nach der Tragödiesehnen wie nach etwas, was dies in wirksamster Weise voll-bringt, und sozusagen ihm dazu verhilft, einmal recht vonHerzen zu weinen? . . . Wenn lange kein Affekt, wie die,welche die Trauerspiele erregen, in uns gewaltet hat, (so ver-langt das Vermögen dazu) so zu sagen wieder nach einer Be-thätigung, und nun bringt sie das Trauerspiel, und wir fühlendie Aufregungen zwar schmerzlich, aber doch zugleich wie einewohlthuende Stillung des Bedürfnisses. Weniger an mir selbstals an anderen, die z. B. den Zeitungsbericht über eine neue

') Franz Brentano, Das Schlechte als Gegenstand dichterischerDarstellung. Vortrag, gehalten in der Gesellschaft der Littcraturfreundezu Wien. Leipzig, 1892. S. 17.