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2 (1893)
Entstehung
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Die Jch-Sucht.

lediglich auf seine Schönheit oder Häßlichkeit beurtheilt, ohneauch nur zu fragen, ob es sittlich sei oder nicht. Ein Dichterdieser Art wird nun nothwendig ebenso viel Schönes wie Häß-liches, ebenso viel Sittliches wie Unsittliches sehen müssen.Denn Alles in Allem ist das Sittliche und Schöne in der

Menschheit und in der Natur mindestens ebenso häufig wie

sein Gegentheil, ja es muß sogar überwiegen. Uns erscheintnämlich als häßlich, was entweder eine Abweichung von denuns vertrauten Gesetzen, denen wir uns angepaßt haben, dar-stellt oder was wir als die Erscheinungsform irgend einerSchädlichkeit für uns erkennen, und als unsittlich betrachtenwir, was dem Gedeihen oder gar dem Bestände der Gesell-schaft abträglich ist. Die bloße Thatsache nun, daß wir Ge-setze zu finden geglaubt haben, ist ein Beweis, daß die

den erkannten Gesetzen entsprechenden, also gefälligen, Er-scheinungen weit zahlreicher sein müssen als die ihnen zu-widerlausenden, das heißt häßlichen, und ebenso ist der Bestandder Gesellschaft ein Beweis, daß die erhaltenden und begün-stigenden, also die sittlichen, Kräfte stärker sein müssen als diezerstörenden, das heißt unsittlichen. Deshalb müßte in einerDichtung, die sich zwar um Sittlichkeit nicht kümmert, aberwirklich, wie sie vorgibt, unparteiisch wäre, das Sittlichemindestens in dem gleichen, ja in etwas größerm Umfange ver-treten sein wie das Unsittliche. In der Dichtung der Par-nassier ist dies aber nicht der Fall. Sie gefällt sich fast aus-schließlich im Verworfenen und Häßlichen. Gautier preist inMademoiselle de Maupin" die niedrigste Sinnlichkeit, die,wenn sie das gemeingeltende Gesetz werden sollte, die Mensch-heit auf den Stand der ohne individuelle Liebe und ohneirgend eine Form der Familie in Geschlechtsgemeinschaft leben-den Wilden zurückbringen müßte; Sainte-Beuve, allerdingsmehr Romantiker als Parnassier, erbaut derWollust" inseinem gleichnamigen Werke einen Altar, an dem die alten