Druckschrift 
2 (1855)
Entstehung
Seite
45
Einzelbild herunterladen
 

45

worden war, und sich aber doch auf dem Gcsichtchen die schwachen Liniendes Weinens zusammen zogen, da riß ich sie an mich, und weinte michselber recht zu Tode. Dann schien die Sonne, wie alle Tage, eswuchs das Getreide, das sie im Herbste angcbaut hatten, die Bäche ran-nen durch die Thälcr hinaus-nur daß sie allein dahin war, wie

der Verlust einer goldenen Vincke. Und wie ich in jener Zeit mit Gotthaderte, hatte ich gar nichts, als daß ich mir fest dachte, ich wolle so gutwerden, wie sie, und wolle thun, wie sie thäte, wenn sic noch lebte.Seht, Doctor, ich habe mir damals eingebildet, Gott brauche einen En-gel im Himmel und einen guten Menschen auf Erden: dcßhalb mußte siesterben. Ich ließ einen weißen Marmorsteiu auf ihr Grab setzen, aufdem ihr Name, der Tag ihrer Geburt und ihr Alter stand. Dann bliebich noch eine lange Zeit in der Gegend ^ aber als die Berge nicht zu mirreden wollten, und die Pfade um die Wiesenanhöhen so leer waren, sonahm ich mein Kind, und ging mit ihm fort in die Welt. Ich ging anverschiedene Orte, und suchte an jedem, daß mein Töchterlein nach undnach lerne, was ihm gut thun möchte. Ich habe vergessen, Euch zusagen, daß mir mein Bruder schon früher geschrieben hatte, daß ich zuihm kommen möchte, weil er so krank sei, daß er die Reise zu mir nichtmachen könne, und er habe dennoch sehr Nothwendiges und Wichtigesmit mir zu reden. Ich ging, da ich mein Haus hinter dem Rücken ließ,zu ihm und zum erste» Male seit dem Tode unsers Vaters sah ichwieder die Anhöhen um das Schloß und die Weiden an dem Bache. Ergestand mir, daß er damals einen Betrug gestiftet habe, und daß er jetztrecht gerne mit dem vergelten und gut machen werde, was noch da sei.Ich rächte mich nicht er stand in dem Saale vor mir, ein dem Todeverfallener Man», ich machte ihm gar keine Vorwürfe, sondern nahmvon den Trümmern des Vermögens, dessen Bücher er mir aufschlug,das wenigste, was meine Pflicht gegen mein Töchterlein noch zuließ,damit ich es nicht seinem armen Sohne entzöge, den ihm sein Weib ge-boren hatte, das noch bei ihm auf dem Schlosse war und dann fuhrich in einem Bauerfuhrwcrke mit meiner Tochter wieder über die Brückedes Schloßgrabens hinaus, und hörte zum letzten Male die Uhr auf demThurme, die die vierte Nachmittagsstunde schlug. Es ist weiter inmeinem Leben nichts mehr geschehen. Ich bin endlich nach einer Zeitin dieses Thal gekommen, das mir sehr gefallen hat, und ich blieb hier.