könne sic sich nicht erinnern, habe auch in ihrem ganzen Leben nicht mehran die Truhe gedacht. Wer das Lederbuch hinzu gelehnt, sei ganz unbe-greiflich, wenn cs nicht etwa der Großvater gewesen, der es in der erstenVerwirrung bei des Vaters Tode, um es den Augen der Mutter zu ent-ziehen, an die Truhe legte und dort vergaß. Auch auf die Bildsäule kamdie Rede, und als ich um ihren Ursprung fragte, wußte ihn niemand,sie sei eben immer in dem Gange gestanden, und keiner habe darauf ge-dacht, warum sie da stehe, und auf welchem Untersatze sie stehe. Nurkönne sie aus keiner uusrige» Feldkapclle herrührcu, weil unsere Feldernie eine Kapelle gehabt hätten.
Während wir sv sprachen, standen die winzig kleinen Kinder derSchwester herum, horchten zu, hielten die trotzigen Engelstöpfchen ganzstille, und Manches von ihnen hatte ein altes Blatt aus der Truhe inder Hand, auf dem Blumen oder Altäre abgebildet waren, die einst ihreUr - Ur - Großmutter in geheimer Wonne an das Herz gedrückt hatte, oderauf dem Verse standen, die von Schmerzen und Unthaten sangen, überdie hundert Jahre gegangen waren.
Das Lederbuch lag aufgeschlagen auf dem Tische, und bald dasEine, bald das Andere von uns blätterte darinnen und sah neugierignach. Aber Keinem war es für den Augenblick möglich die Schrift zuentziffern, oder die Gedanken zu reimen, die einzeln herausfielcn. Esmüsse des Doctors Leben darin sein, sagte die Mutter, denn in manchenAbenden, wo der Vater darinnen gelesen, indeß sie mit den Kindern undder Hauswirthschaft zu thun gehabt, habe er ansgerufeu: welch einMann! Sie selber habe das Buch nie zur Hand genommen, weil siedoch zum Lesen nie Zeit gehabt, und ihr die Kinder mehr Arbeit gegebenhaben, als sie kaum zu verrichten im Stande gewesen sei. Ich aberdachte mir: wenn nun das Leben des Doetors darinnen ist, so muß sichja zeigen, ob cs von jenen Geistern und überirdischen Gewalten beherrschtwar wie die Sage geht, oder ob es der gewöhnliche Kranz aus Blumenund Dornen war, die wir Freuden und Leiden nennen. Meine Gattinbewunderte die schönen mit der Kunst des Pinsels gemalten Anfangsbuch-staben und die brennend rothen Titel, hinter denen aber allemal die ab-scheulichste Schrift kam. Man wollte, ich solle ein wenig vorlesen,allein ich konnte cs eben so wenig, als die Andern; weil mir aber dieMutter erlaubt hatte, daß ich die Dvctorbücher behalte, so versprach ich,Stifter. L. Aufl. II. 2