345
Tanne war, in dieselbe. Die wagrechten Acste ruhten wie die ausgebrei-teten Fittige eines Vogels in der Luft. An dem Fuße des Stammes la-gen einige Steine, als wären sie zum Sitzen und Ausruhen her gelegtworden. Auch ging ein schwaches Waldweglein an dem Baume vorbei,auf dem aber Hanns nicht gekommen war.
Nachdem Hanns den Baum so betrachtet hatte, nachdem er eineWeile so gestanden war, knüpfte er sich den Stock bis an's Kinn zu undsetzte sieh auf die Steine, die an dem Fuße des Stammes lagen. Es warder Abend schon sehr stark herein gebrochen, und Hanns sah mit seinenAugen in das Dunkel und in die Dämmerung. Die Vaumgitter, dieemporwachsenden und nun verdorrten Kräuter und der Boden waren nichtmehr zu unterscheiden, nur daß ein feuchter Punkt oder ein schwachesWässcrlein noch zeitweilig blitzte. Aber endlich hörte auch dieses auf,und es war nur eine einzige Finsterniß, in der Alles still war.
Hanns saß mit dem Rücken an dem Stamme und schlummerte.
Da kam in der Nacht eine seltsame Erscheinung. Um de» Baumwurde cs immer lichter und lichter, so daß seine Zacken deutlich in derHelle standen und erkennbar waren. Der Baum war so hoch, Laß er bisin den Himmel reichte, und bis in den Himmel reichte die Helle um seineZacken. In de» Zweigen hoch im Himmel stand das Bildniß der heiligenJungfrau, wie cs im Kirchlein zum guten Wasser ist, und doch war seinAntlitz und seine Züge recht deutlich zu erkennen. Auf dem Haupte wardie Krone, aus der Brust standen die sieben Schwerter und in demSchooße ruhte der gekreuzigte Sohn. Das Bild hatte den Blumenstraußiu der Hand, von dem die Bänder nieder gehen, cs hatte das starre sei-dene Kleid an mit den Flimmern, mit den gestickte» Blumen und den ge-wundenen Stängeln. Das Antlitz aber sah strenge, unerbittlich strengeauf Hanns hernieder. Er sah unverwandt und ernst auf ihn nieder. Daermannte sich Hanns, er erwachte, er wandte das Haupt aufwärts undsah in den Baum. Der Baum war wieder so klein geworden wie sonst,die heilige Jungfrau stand nicht mehr in den Zweigen, aber ein großesStück Mond, das, indessen Hanns geschlafen hatte, aufgegangcn undüber den Wald herüber gerückt war, stand fast gerade über den Baum,daß seine Zweige glänzten, daß zwischen ihnen lange Lichtstreifen wie sil-berne Bänder auf Hanns nieder gingen, und daß die Dinge des Waldesin einem zweifelhaften aber doch erkennbaren Lichte da standen. Hanns