215
Kreuze und betete, oder sie saß auf den flache» Steinen vor demselben,und die Ziege stand vor ihr.
Diese Frau hatte ein Kind. Das Kind war ein Mädchen, und warso außerordentlich schön, daß man sich kaum etwas Schöneres auf Erdenzu denken vermag. Aber wenige Vienscheu bekamen das Kind zu sehen;denn es war immer in dem Stübchen, und wenn die Frau auf längereZeit fortging, sperrte sie dasselbe ein. Sie nährte cs von der Milch derZiege, von dem Mehle, das ihr der Schwarzmüller oder andere gaben,und von manchem Haupte Kohl oder Gemüse, das ihr die Leute auf Rai-nen oder auf Aeckcrn auszusehen erlaubten.
Als das Kind größer geworden war, erschien cs wohl auch bei denSpielen der Kinder auf dem Platze zu Pichlern, allein es stand nur immerda, und sah zu, entweder weil cs nicht mitspielen durfte, oder weit csnicht mitspielen wollte. Gegen Abend ging es allein unter den Föhren-stämmen herum, oder cs ging in das weiße Häuschen zurück.
In Oberplan herrscht der Glaube, daß dasjenige, um was man dieschmerzhafte Mutter Gottes um guten Wasser am ersten Beichttage in-brünstig und aufrichtig bittet, in Erfüllung gehen werde. Der ersteVeichttag der Kinder ist aber immer vor Ostern, dem wichtigsten Festedes ganzen Jahres. Sv wichtig ist das Fest, daß die Sonne an demsel-ben nicht wie an jedem andern Tage langsam aufgeht, sondern in dreifreudenreichen Sprüngen über die Berge empor hüpft. An diesem Festebekommen die Leute schöne Kleider, die frischen Fahnen und Kirchenbe-hänge werden ansgelegt, und die Natur feiert die Ankunft des Frühlings.Damit nun auch die Kinder so rein seien, wie die Kleider, die Kirchcn-snhnen und der Frühling, müssen diejenigen, welche zum ersten Male zurBeichte gehen, dieses vor dem Ostersonntage thun. Viele Wochen Vor-her werden sie schon unterrichtet, und die Vorbereiteten ausgetesen.Wenn der Tag angebrochen ist, werden die Erwählten gewaschen, schonangezogen, und von ihren Eltern zur Thür des Pfarrhofcs geführt.Wenn der Pfarrer öffnet, dürfen die Kinder eintreten, und die Elterngehen wieder nach Hause. In dem Innern des Pfarrhofcs werden siegeordnet, und da stehen sie mäuschenstille, und jedes hat einen Zettel inder Hand, auf welchem Name und Alter steht. Wenn an einem die hei-lige Handlung vorüber ist, geht es zerknirscht und demüthig in den Hin-tergrund. Wenn Alle fertig sind, wird gebetet, cs wird eine Anrede ge-