Druckschrift 
3 (1855)
Entstehung
Seite
256
Einzelbild herunterladen
 

256

manche Fernsichten, und manche Rasenplätze hinein, und ließ sie zuHause sehen.

Eines Tages, als wir schon sehr vertraut waren, ließ mir Rikarsagen, ich möchte mit ihm einen kleinen Spaziergang machen, er hätteetwas Nothwendiges mit mir zu reden. Ich sandte ihm die Antwort,daß ich sehr bereitwillig sei, daß ich mich zusammen richten, und ihn dannin seinem Zimmer abholen würde.

Als ich meinen Rock gewechselt und meinen Hut aufgesetzt hatte,begab ich mich zu Rikar, den ich schon völlig zu dem Spaziergänge ge-rüstet fand.

Wir gingen durch den Garten rückwärts hinaus, wo man denSpringbrunnen zur Linken und die hohe Fclsenwand im Angesichte hat.Als wir durch die lose Steinmauer hindurch gegangen waren, und unsauf dem trockenen Grasboden befanden, sagte er: „Ich habe Euch eigent-lich wegen etwas um Verzeihung zu bitten, welche Pflicht ich wohl schonlängst hätte erfüllen sollen, wenn mich nicht eine Scheu zurück gehaltenhätte; — aber einmal muß cs doch sein."

„Ich wüßte durchaus nicht, Freund Rikar," sagte ich, „was Ihrgegen mich begangen haben könntet, dessentwillen Ihr mich um Ver-zeihung zu bitten hättet. Ihr seid ja gegen mich immer die Güte undFreundlichkeit selber."

„Und doch habe ich etwas," sagte er, „das mir auf dem Gewissenliegt. Ihr werdet Euch erinnern, daß ich Euch, als wir in Wien voneinander schieden, das Versprechen gegeben habe, Euch einen Brief zusenden, der Euch von meinem Aufenthalte Nachricht geben soll. De»Brief habt Ihr nicht erhalten."

„Nein, ich habe ihn nicht erhalten," antwortete ich.

„Weil er gar nicht geschrieben worden war," sagte er, „und dieseUntreue ist cs, derentwillen ich Euch um Verzeihung bitte."

„Aber Freund Rikar," erwiederte ich, „wie könnt Ihr nur so reden,wenn Ihr den Brief nicht geschrieben habt, so wird gewiß eine vollgül-tige Ursache vorhanden sein, derentwillen cs unterblieben ist."

„Wenigstens ist sie keine leichtsinnige gewesen," sagte er, „höretmich an."

„Nein, nein, Rikar, Ihr braucht Euch vor mir nicht zu entschuld!-