Druckschrift 
3 (1855)
Entstehung
Seite
221
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ben, wenn auf ihr Jemand gespielt hätte, da sic gerade unter meinenFenstern hinlief.

Es begann wieder, nachdem es eine geraume Weile ansgcsetzt hatte— und man kannte gleichsam sagen, cs gab seine Seele in die Lüfte.Ich horchte fort und fort. Wenn cs Theresa Milanollo ist, so mußte ichdenken: ist denn das Kind in dieser kurzen Zeit uni so viel älter gewor-den, daß die süße Unwissenheit sich gewendet hat, die uns sonst so ent-zückte? Oft ist es ja in dem Spiele gar nicht anders, als sei bereits dieGlut der Leidenschaft darinnen. Es ist nicht mehr das Ding, das miteinfacher Liebe in den goldenen Tönen gespielt bat, blos aus dem Grunde,weil sic goldene sind; sondern das ist so zu sagen ein schreiendes Herz,welches seinen Jammer erkannt hat. Es lag in dem Spiele ein Schmerzund eine Sehnsucht, die so einleuchtend ausgesprochen waren, daß mansah, das sei nicht ein vorgebildetcs und vorgespicgcltes Ding der Kunst,sondern das sei aus dem wirklichen, bitteren, erfahrenen Leben hergcnom-men. Es war für mein Ohr die ganz natürliche Steigerung des Herzensdarinnen. Zuerst war eine sanfte Klage, die versuchsweise bittet, und,wiewohl vergeblich, hinschmilzt — dann war das heiße Flehen, das einfernes wohlerkanntes Glück so gerne herbei ziehen möchte >— dann wardie Ungeduld des Heischens — dann stand die Seele auf, und cs war einZürnen, daß das Gut, das man geben wolle, nicht erkannt werde —dann war ein Hohn, der da sagt, wie hoch das eigene Herz steht, undwie es sich durch Verachtung rächen will-endlich war eine Fröhlich-keit, die cs sich rauschend vorsagt, daß sie cs sei.-Ich dachte: du

armes, armes Kind! was mußt du gelitten haben, daß du diese Dingeverstehst, und sic mit der einzigen Stimme, die dir Gott in so reichlichemMaße gegeben hat, ausdrücken kannst! Mir fiel auch jener wundersameAuftritt ein, den ich hatte, als ich Rikar in das Theater führte, und alser so auffallend weinte, da er die Schwestern Milanollo hörte. Wie magdas zusammen hängen?!

Ich hüllte mich fester in meinen Rock, den ich übcrgcnommen hatte,weil die Nacht doch ein wenig kühl war, und hörte zu. Das Spiel setztenun ziemlich lange aus, und begann wieder. Es wurde immer besserund geläuterter, als machte sich doch nach und nach noch die Kunst gel-tend, die das menschliche Herz so beseligt und sänstigt, und als dränge siedie Leidenschaft zurück. Endlich wurde einmal jene Stärke, jene Vegei-