92
Dich eher zu einem Adler gemacht, der die Welt in seinen Fänge» hält,und sic auch, wenn cs sein muß, in den Abgrund wirst. Allein er hatzuerst das Weib geliebt, dann hat er cs verlassen, und war dvch nichtstark genug, dasselbe auf immer von hinnen zu thun, sondern er dachtestets an dasselbe, und steckte Dich, da er starb, unter die Flügel dessel-ben, daß Du fast eine Henne würdest, um Küchlein zu locken, und nurzu kreischen, wenn ein Pferdehuf eins zertritt. Schon diese wenigenWochen bei mir bist Du mehr geworden, da Du gegen Gewalt und Druckankämpfen mußtest, und Du würdest immer mehr werden. Ich habeverlangt, daß Du den Weg zu Fuße hieher machest, daß Du die Lust,die Müdigkeit, die Selbstbezwingung ein wenig kenne» lernest. Was ichnach dem Tode Deines Vaters Hippolit'ö thun konnte, that ich, Duwirst es gleich später hören. Ich ließ Dich auch zu dem Zwecke zu mirkommen, daß ich Dir nebst Andern, was Du hier solltest, einen gutenRath gäbe, den Dir weder der Federmann, Dein Vormund, noch dasWeib geben können, und den Du dann beliebig befolgen kannst, odernicht. Weil Du vielleicht heute noch, gewiß aber morgen fort gehenwillst, will ich Dir den Rath sagen. Höre mich. Du hast also imSinne in ein Amt zu treten, das sie Dir verschafften, damit Du DeinBrod hast und versorgt bist?"
„Ja, Oheim."
„Siehst Du, und ich habe Dir schon einen Urlaub ausgcwirkt. Wienöthig mußt Du also sein, und wie wichtig das Amt, das unausgcfülltauf Dich warten kann. Einen Urlaub auf unbestimmte Zeit habe ichhier. Ich kann jeden Augenblick einen Abschied haben, sobald ich nurwill. Das Amt bedarf also nicht Deiner einzelnen bestimmten Fähigkei-ten, ja cs harrt schon einer, der nach Deinem Austritte das Amt braucht.Du kannst auch jetzt noch in der That gar nichts leisten, was wirklichdes Antrittes eines Amtes Werth wäre, da Du kaum ein Jüngling ge-worden bist, und kaum erst ein Sandkorn von der Erde bekommen hast,daß Du cs kennen lernest — und Du kennst cs noch nicht einmal. WennDu also jetzt cinträtest, so könntest Du höchstens etwas wirken, wasNiemand frommt, und was Dir doch langsam das Leben aus dem Kör-per frißt. Ich wüßte Dir etwas Anderes. Das Größte und Wichtigste,was Du jetzt zu thun hast, ist: hcirathen mußt Du."
Victor richtete sein klares Auge gegen ihn, und fragte: „Was?!"