Druckschrift 
Oberon
Entstehung
Seite
99
Einzelbild herunterladen
 

Fünfter Gesang.

99

21 .

Dem Drusen schwillt und sinket wechselsweisSein Herz, indem sein Aug' an ihren Reizen hanget:

Er sucht im ihrigen was er zu sehn verlanget;

Allein, ein Blick, so kalt wie Alpeneis,

Ist alles was er sieht. Doch, dem Bethörten schmeicheltDie Eitelkeit, die Selbstbetrügerin,

Daß Rezia den spröden Blick nur heuchelt:

O (denkt er) all der Schnee schmilzt über Nacht dahin!

22 .

Ob er zu viel gehofft soll kein Geheimniß bleiben.

Doch, ohne jetzt unnöthig zu beschreiben,

Wie drauf, nachdem der Imam das GebetGesprochen, man beim Schall der Pauken und der ZinkenZur Tafel sich gesetzt, erst Seine Majestät,

Dann rechter Hand die Braut, der Bräutigam zur Linken,Und hundert Dinge, die von selber sich verstehn,

Jst's Zeit, auch wieder uns nach Hüon nmzusehn.

23 .

Der hatte, wie ihr euch erinnert, seine Nacht,

Von Ungeduld erhitzt, von Ahnungen umgaukelt,

Auf seiner Streue nicht viel sanfter zugebrachtAls einer, den der Sturm in einem Mastkorb schaukelt.Kaum aber hat dem Tag in seine goldne BahnAurorens Nosenhand die Pforten gufgethan,

So senkt sich nebelgleich ein Dunst von Mohn- und Flieder-Und Liliendnft ans seine Augen nieder.

7 »