158
Die Marquise von O....
unsäglicher Lust über den Mund seiner Tochter beschäftigt war, sichum den Stuhl herumbeugend, von der Seite an. Der Comman-dant schlug bei ihrem Anblick das Gesicht schon wieder ganz krausnieder, und wollte etwas sagen; doch sie rief: o was für ein Ge-sicht ist das! küßte cS jetzt auch ihrerseits in Ordnung und machteder Rührung durch Scherzen ein Ende. Sie lud und führte beide,die wie Brautleute gingen, zur Abendtafel, an welcher der Counnan-dant zwar sehr heiter war, aber noch von Zeit zu Zeit schluchzte,wenig aß und sprach, auf den Teller niedcrsah und mit der Handseiner Tochter spielte.
Nun galt cs Leim Anbruch des nächsten Tages die Frage: wernur in aller Welt morgen nm 11 Uhr sich zeigen würde; dennmorgen war der gefürchtete Dritte. Vater und Mutter und auchder Bruder, der sich mit seiner Versöhnung eingefunden hatte, stimm-ten unbedingt, falls die Person nur von einiger Erträglichkeit seinwürde, für Vermählung; Alles, was nur immer möglich war, solltegeschehen, um die Lage der Marquise glücklich zu machen. Solltendie Verhältnisse derselben jedoch so beschaffen sein, daß sie selbst dann,wenn inan ihnen durch Begünstigungen zu Hülfe käme, zu weit hin-ter den Verhältnissen der Marquise zurückblieben, so widersctzten sichdie Eltern der Heirath; sie beschlossen, die Marquise nach wie vorbei sich zu behalten und das Kind zu adoptiren. Die Marquise hin-gegen schien willens, in jedem Falle, wenn die Person nur nichtruchlos wäre, ihr gegebenes Wort in Erfüllung zu bringen, unddem armen Kinde, es koste was es wolle, einen Vater zu verschaffen.Am Abend fragte die Mutter, wie es denn mit dem Empfang derPerson gehalten werden solle? Der Commandant meinte, daß esam schicklichsten sein würde, wenn man die Marquise um 11 Uhrallein ließe. Die Marquise hingegen bestand darauf, daß Leide El-tern und auch der Bruder gegenwärtig sein möchten, indem sie keineArt des Geheimnisses mit dieser Person zu theilen haben wolle. Auch