Nomantische Dichtung.
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gung geschwächter, der Genuß stumpft sich ab, der Stachel des Neuen, desBizarren, des Verrückten sogar genügt nicht mehr, den verwöhnten Gau-men zu kitzeln. Soll dies die Dichtung wahrhaft fördern? Wir habenin unserer deutschen Geschichte Ein Beispiel für alle, das uns mit lauterStimme beschwört und warnt, im Verfolge auch des Trefflichsten undSchönsten mäßig zu sein und die Größe irgend einer Bildung niemalsim Lnrus zu suchen. Welch eine segensvolle Zeit war jene Reformation,die nach Jahrhunderten der scholastischen und mystischen Finsternis unfernReligionssinn läuterte, die uns in eine Bahn warf, deren Ziel das herr-lichste war, und dessen Heiligkeit vor jeder Verirrung auf diesem Pfadehätte schützen sollen. Fast drei Jahrhunderte beherrschte diese religiöseRichtung das deutsche Leben, gegen die keine politische Bestrebung und späterst die poetische aufkommen konnte. Wäre die Nation von etwas rasche-rem Blute gewesen, hätte die ästhetische Bildung der religiösen schnellerfolgen können, che sie in eine theologische auöartcte, ehe die Mißbräuchedes Mechanismus, der Lurus des geistlichen Lebens, der Eigensinn unddie grenzenlose Bornirtheit der Fachmänner das ganze Feld gewannenund den eigentlichen Gewinn jener Bewegung, fromme Einfalt undächte Religiosität, ganz Preisgaben, so wäre von der Nation unendlichesElend abgehaltcn und unsere Geschichte vielleicht um zwei Jahrhundertegefördert worden. Darüber wird kein Streit sein. Aber noch viel we-niger, wenn anders die Menschen aus der Geschichte lernen wollen, sollteheute ein Zweifel darüber sein können, daß unsere Poesie ganz und völligaus dem Wege begriffen ist, auf dem damals die Religion ins Wüste undWilde gerietst. Denn ganz haben wir hier die Schwelgerei auch im poe-tischen Leben, ganz die Mißbräuche des Mechanismus, ganz die nutzloseNebenbuhlerei und die Gemeinheit und Rohheit der streitenden Sekten,und unter den Händen jener banausischen Fachmänner, bei denen dieGenialität und Originalität das Handwerkszeichen ist, welches den Be-ruf ebenso bcthätigen und Kenntnis, Herz und Geist ebenso ersetzen soll,wie einst die Orthodoric bei den Theologen — unter ihren Händen gehtder ächte poetische Sinn und der reine Kunsttrieb ebenso verloren, wiedort die Religion. Glücklich noch, daß im 17. Jahrh. eine schwere Zeitdes Unglücks und der Schmach die Gcmüther ernster stimmte, die Geisterbelebte, die Menschen aus der Schnlstube und ihrer Zänkerei herausriß,sonst wäre die Versunkenheit des geistigen Lebens noch unendlich gestei-gert worden. Und eine solche Bewegung des äußeren und öffentlichenLebens müssen wir uns heute wieder wünschen, wenn sich unser unge-sunder Literaturkörper wieder erholen soll; und nur möge sic von eben