5ZY Romantische Dichtung.
sich die jungen Poeten hineinarbeiteten, sich in den größten Narrheitenoffenbaren mußte.
Wenn eine Literatur die Blüten abstreift und die Blätter treibt, soist das Gewöhnliche, daß sie ins Gemeine herabsinkt und durch Populari-tät platt wird. Diese Wendung haben wir auch bei uns im Drama undim Romane schon beobachtet. Allein die romantische Schule, die unsereeigentliche Dichtung fortführt, lagerte sich vielmehr dieser Alltagsdichtunggegenüber, sie griff nach dem genialen Zuge der 70er Jahre zurück, stei-gerte die Begriffe der Kunst, und bekannte bald theoretisch bald praktischden Satz, den Novalis nackt ausgesprochen hat, daß „der poetische Sinnmehr Verwandtschaft mit dem Sinne für Weissagung, mit dem religiösenSinn, dem Wahnsinn überhaupt" habe. Wie wunderliche Dinge nundiese überspannten Ansichten auch in die Welt setzten, so ist doch nicht zuleugnen, daß nur durch ein solches Hinaufstimmen der Saiten ihre Her-abstimmung und Erschlaffung unter den Umständen verhindert werdenkonnte. Wenn unter den Leistungen der neuen Schule auch nichts übrigbleiben sollte, was unserm geläuterten ästhetischen Sinne in der Weisezusagte, wie die Schriften unserer Meister, so machte sie sich doch dadurchaußerordentlich verdient, daß sie immer ein Höchstes in Aussicht hatte,daß sie sich an die beiden großen Dichter, ja nur an den Einen größten,festhielt, daß sie das, was Beide angegeben oder geleistet haben, zurGrundlage ihrer eigenen Strebungen machte, daß sie ihre Ideen in Ver-trieb brachte, ja sie zu verwirklichen suchte. Wenn man in ästhetischenDingen die von Schiller und Göthe begründeten Ansichten so geläufigim Volke, ihre allgemeinen Sätze auf besondere Fälle so oft treffend an-gewandt findet, so ist dies zunächst das Werk und Verdienst der Roman-tiker. Wenn die Nation das verwerfende Urtheil über so manche Schrift-steller aus dem Geschlechte der Nirolaiten dadurch billigte, daß sie sievergaß, ja wenn sie das gleiche Gericht über die Kotzebue, die sie nichtvergessen und entbehren konnte, dennoch gut hieß, so war auch hier derVorgang der Romantiker maßgebend. Wie sehr mit Recht auch Schiller'::ihre kritische Manier naseweis, schneidend und einseitig vorkam, mit dersie jene Poeten des Tages angriffen, so sah doch Göthe mit nicht min-derm Grunde dieses Wespennest als einen trefflichen, fürchterlichen Geg-ner an „gegen alle Nichtigkeit, Parteisucht für das Mittelmäßige, Augen-dienerei, Katzenbuckel gebärden, Leerheit und Lahmheit, in welcher sichdie wenigen guten Produkte verlieren." Wenn wir absehen von der hö-heren und positiven ästhetischen Kritik, die sich unter den Romantikern