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Schiller und Göthe.
nur zu leugnen schienen, um es im Leben leugnen zu dürfen, und er Wurfsich ihren, der Wirklichkeit Hohn sprechenden Tendenzen in dem Aufsatzeüber die nothwendigen Grenzen beim Gebrauche schöner Formen (1795)entgegen, jetzt ein Stoiker den moralischen Latitudinariern gegenüber,wie er dem einseitigen moralischen Cynismus entgegen ein ästhetischerEpikureer war. Ec beleuchtet dort die Anmaßungen des Geschmacks überden Willen. Wenn der Mensch zu jener Gleichstimmung von Neigungund Vernunft gelangt ist, sagt er dort mit seiner gewöhnlichen treffendenSchärfe, gerade dann beginnt die moralische Gefahr erst recht. Die Be-gierde selbst erhält einen Anschein von Würde, und maßt sich die Auto-rität der Sittlichkeit an; die Vernunft selbst wird geneigt, den vergei-stigten und gereinigten Trieb zu respektiren, und besonders die Liebe be-sticht unter allen Neigungen, die von dem Schönheitsgefühl abstammen,und steigert und täuscht das moralische Gefühl am meisten, wo sie deralleinige Führer sein will und durch keinen bessern gesichert ist. Der rohesinnliche Mensch gesteht sich's, wo er fehlt; der verfeinerte Zögling derKunst belügt sein Gewissen, ficht die Gesetzgebung an, ehe er das GesetzÜbertritt, und cs ist daher für die Moralität des Charakters sicherer,wenn jene Harmonie zwischen Schönheits- und Sittlichkeitögefühl zeit-weise aufgehoben wird, und Vernunft und Wille ihre Herrscherrolle zuspielen haben. Diesen Sinn gibt er dem Spruch, daß die Schule derWiderwärtigkeit die ächte Moral bewahre. Hiergegen erinnere man sichnun jenes egoistischen Lebensprineips in Göthe, mit dem er jeder Wider-wärtigkeit aus dem Wege ging, unter Unannehmlichkeiten litt, jederSchwierigkeit auswich; man erinnere sich, wie er nur im Momente desungestörten Glückes in Italien oder zur Zeit Werther's sich auf der Höheseines Wirkens und Strebens hielt, und wie dagegen Schiller geradeunter Noch und Leiden sich läuterte: so sieht man wohl, wie nicht alleindie Theorien beider Männer etwa bloS in Worten sich entgegen sind,sondern wie die gegensätzliche Natur zu entgegengesetzten Schicksalenführte, und diese wieder die feindlichen Grundsätze lehrten. So ist esdenn herzliche Ueberzeugung, wenn Schiller den ununterbrochen glück-lichen Menschen nicht beneidet, der nie die Pflicht von Angesicht schaut,weil seine geordneten Neigungen das Gebot der Vernunft immer anti-cipiren, und keine Versuchung zum Bruch des Gesetzes das. Gesetz bei ihmin Erinnerung bringt. Diesen würde Göthe, weil er ihn glücklich Preisenmüßte, auch beneidenswerth finden; beneidenswertst, weil er ihn durchreinen Natursinn geleitet sähe, und weil ihm, wenn er nur seine Bestim-mung erfüllte, wenig daran gelegen wäre, ob er sich der Würde seiner