462
Schiller und Göthe.
mancher tragischen Motive nicht entbehren; wir hätten nicht mehr dieHülfsmittel und intensiven Kräfte des griechischen Trauerspiels und dieVergünstigung, die Zuschauer durch sieben Stücke zu führen, darumbrauchten wir die epische Breite der Neueren.
Göthe selbst hat das letzte Wort zur Charakterisirung Schiller's undzur Unterscheidung beider Dichter gegeben, in dem sich nun alle etwasernstem Bcurtheiler vereinigen müssen, und auch wirklich vereinigt haben.Es war die Idee der Freiheit, die ihn bewegte, da Göthe hingegen aufder Seite derNatur stand. Dies unterscheidet nicht allein den dichterischen,sondern auch den moralischen, den intellektuellen und überhaupt mensch-lichen Charakter Beider. In Bezug auf das Moralische haben wir schonvorher gehört, wie Schiller, den stoischen Grundsätzen der kantischcnMorallchre entgegen, die Zusammenstimmung von Pflicht und Neigungpries, jene Harmonie, die eine schöne Seele bezeichnet, in der sich dassittliche Gefühl aller Empfindungen so bemächtigt, daß es der Neigungdie Leitung des Willens überlassen darf. Göthe würde unter diesen Be-dingungen der Moralität um so mehr Genüge geleistet glauben, je weni-ger Forderungen sie da zu machen hat, wo sie nie verletzt wird; aberSchiller'» genügte keine Sittlichkeit, die ohne Verdienst ist. In dermoralischen Welt gibt es Lagen, wo die Uebereinstimmung von Naturund Freiheit nicht möglich ist, wo der Bund zwischen Trieb und Willennicht aushält, und in diesem Zwiespalte muß des Menschen vernünftigesWesen die Schönheit der Handlnug der moralischen Größe opfern. Insolchen Fällen steigert sich das gute Herz zu eigentlicher Tugend, in derdie Herrschaft über den Trieb vorausgesetzt ist. Die Tugend wieder kannsich der Anmut vermählen, und dies ist der Punkt, wo ihm die kantischeLehre in ihrer drakonischen Strenge nicht genugthat; gegen ihn nimmter sich der sittlichen Neigung an, gegen Göthe steht er auf der Seite dermoralischen Würde. Seine Sätze hierüber geben wieder sprechender, alses ein Dritter könnte, die Differenzpunkte zwischen Beiden an. „DerWiderstreit zwischen dem Bedürfniß der Natur," sagt er, „und der Forde-rung des Gesetzes spannt die Seele an und erweckt Achtung, die von derWürde unzertrennlich ist. Wir werden angezogen als Geister, zurückgc-stoßen als sinnliche Naturen. In der Anmut dagegen sieht die Vernunftihre Forderungen in der Sinnlichkeit erfüllt, die Zusammcnstimmung derNatur mit der Nothwendigkeit der Vernunft erweckt ein Gefühl frohenBeifalls, welches auslösend auf den Sinn, für den Geist aber belebendund beschäftigend ist, und es muß Wohlwollen und Liebe erfolgen, einGefühl, das von Anmut und Schönheit unzertrennlich ist. Man ist