Druckschrift 
5 (1853) Mit einem vollständigen Register über alle fünf Bände
Entstehung
Seite
390
Einzelbild herunterladen
 

39N

Schiller und Göthc.

des Spieltriebes rechtfertigt der Sprachgebrauch, der Alles, was inner-lich und äußerlich weder zufällig ist noch nöthig, mit dem Worte Spielbezeichnet. Bei Anschauung des Schönen ist das Gemüth in der glück-lichen Mitte zwischen Gesetz und Bedürfniß, zwischen beide getheilt, isteS dem Zwange beider entzogen. Spiel, im großen Sinne des Wortes,ist das Dasein der griechischen Götter, das von Arbeit und Last, vonPflicht und Sorge befreit ist; aus der Verschmelzung beider Nothwen-digkeiten, Naturgesetz und Sittengesetz, ging ihnen die wahre Freiheithervor; und so sind in den Gesichtszügen ihrer Ideale Neigung undWille verschwunden. Aus der Verbindung zweier entgegengesetzter Prin-eipien also geht das Schöne hervor, dessen höchstes Ideal daher in demGleichgewicht der Realität und Form liegt. Dies Gleichgewicht ist inder Wirklichkeit nicht zu finden, wo bald das Eine, bald das Andereüberwiegt. Es folgt, daß das Schöne zugleich eine auflösende Wirkunghat, um die beiden Triebe in ihren Grenzen zu halten, und eine anspan-nende, um sie in ihrer Kraft zu erhalten. Beide Wirkungen sollten derIdee nach nur Eine sein, die Erfahrung gibt aber kein Beispiel einer sovollkommenen Wechselwirkung; das Jdcalschöne zeigt unthcilbar eineschmelzende und energische Eigenschaft, in der Wirklichkeit gibt es getrennteine schmelzende und eine energische Schönheit, wie der Mensch Tugenddenkt, aber nur einzelne Tugenden übt. An die Stelle der Sitten Sitt-lichkeit, der Kenntnisse Erkenntniß zu setzen, ist das Werk der geistigenBildung, aus Schönheiten Schönheit zu machen, der ästhetischen. Wirtreffen den wirklichen Menschen stets entweder in einem Zustande derAn- oder Abspannung, beide entgegengesetzte Schranken werden durchSchönheit gehoben, die dort die Harmonie, hier die Energie herstcllt,und den Menschen zu einem in sich selbst vollendeten Ganzen macht. Dersinnliche Mensch wird durch sie zum Denken, zur Form, der geistige zurMaterie zurückgeführt. Es scheint demnach, daß es einen Mittelzustandgebe zwischen Materie und Form, Leiden und Thätigkeit, und daß unsdie Schönheit in diesen mittleren Zustand versetze. Und dem ist wirklichso. Der Mensch kann aus dem physischen, leidenden Zustande in denmoralischen, vom Empfinden zum Denken nicht unmittelbar übergehen;er muß einen Augenblick von aller Bestimmung frei sein und einen Zu-stand bloßer Bestimmbarkeit durchlaufen; er macht diesen Uebergangdurch eine mittlere Stimmung, in welcher Sinnlichkeit und Vernunftzugleich thätig sind, ebendeswegen aber durch Entgegensetzung ihre be-stimmende Gewalt selbst paralysircn. Diese mittlere Stimmung, in wel-cher das Gemüth weder physisch noch moralisch genöthigt, und doch auf