Geschichte und Politik. (Göthe.)
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chronologisch läse und von den Werken ans Italien plötzlich ans dieseGruppe überspränge, der muß Niebuhr's obigen Ausspruch freilich wieder-holen, daß sich des Mannes Genius hier verhüllt; er muß urtheilen, daß,wenn in jenen italienischen Werken aus dem zweigctheiltenDichter nur dergute Dämon redete, in diesen nur der böse erscheint. Man hat Göthe'noft den Vorwurf gemacht, daß er nicht ein nationaler Dichter gewordensei; wir wollen in diesen Vorwurf nicht Anstimmen. Wer ihn aus-spricht, der hängt sich Schiller um so eifriger an, und doch war es auchdiesem ein armseliges kleines Ideal, für Eine Nation zu schreiben, unddas vaterländische Interesse dünkte ihm, wie allen unfern Weltbürgern,nur für unreife Nationen wichtig. Wir meinten in Göthe'ö Jugend-gefühlen wie in seinen Alterseinsichten die Spuren gefunden zu haben,daß er Sinn und Begriff für eine nationale Poesie gehabt hätte, wennihm nur sein Volk ein Nationalleben entgegengebracht hätte. Aber sohatte es diese Seite nahrungslos gelassen, und welche Ansprüche hattees also auf eine nationale Dichtung zu machen, das Volk, das sich da-mals verließ und aufgab, sich unwürdig treten und mißhandeln ließ?Welche Vorwürfe dürfte es dem großen Manne machen, die er ihm nichtzehnfach erwidern könnte? Hätte man ihm eine Fähigkeit des Handelnsbewiesen, er hätte wohl die seinige bewährt, den Thaten das Würdigeder Poesie zur Seite zu setzen. Daß also Göthe damals nicht etwa inden Nothruf Gleim's und Klopstock's eingestimmt hätte, das wollen wirihm lieber zum Guten als zum Schlimmen deuten. Schwer wird es,ihn vor dem größeren Vorwürfe zu retten, daß er dem handelnden Lebenüberhaupt den Rücken gekehrt, und daß er seine Dichtung von der großenWelt der Geschichte abgewandt hat. Denn sie mit dieser in Verbindungsetzen, heißt allerdings nicht, wie er meinte, die Poesie in die Gewitter-wolken der politischen Welt herabziehcn, sondern cs heißt nur, sic ausder schalen Novellistik der Italiener und Spanier in die ernsten Gebietedes geschichtlichen Epos und Dramas, aus der empfindenden, genießendenund kontemplativen Gemüthswelt des Deutschen in die schaffende undwirkende versetzen, wo Homer und Shakespeare groß wurden, die desheitern Aethers Beide, der erste gewiß außer allem Streite, nicht ent-behren. Griechen und Engländer hätten nicht diese Dichter gehabt, wennsie keine Thaten gehabt hätten; und es sind immer matte Zeiten, die dieSchriften vor den Thaten preisen. Schiller, dem diese handelnde Weltstets achtbar, stets für seine Poesie der höchste Vorwurf blieb, konntedarum damals bei weit geringem Dichtergaben seine Stelle nebenGöthe nehmen. Wer in der Weltgeschichte lebt, wer in die Zeiten schaut