Druckschrift 
5 (1853) Mit einem vollständigen Register über alle fünf Bände
Entstehung
Seite
360
Einzelbild herunterladen
 

360

Schiller und Göthe.

Griechenland hatte für ihn wenig Anziehendes. Indem er sich in Italienganz in die Kunst einlebte, legte er den Sinn für die Geschichte und daspraktische Leben unbewußt immer entschiedener ab. Die Kunst hat eseigen, daß sie, wie die Naturbetrachtung, den Menschen stille, ruhig undfriedlich macht. Ihn nun hatte sie ganz mit ihrer Würde durchdrungen;ihr Studium war für ihn die Befriedigung einer lang genährten Sehn-sucht. Sie füllte ihn ganz aus, sie wies ihn nur auf sich, sie bemächtigtesich aller seiner Wünsche, sie gab ihm die Gegenstände, über die hinauser nichts möglich dachte, und das Verhältniß, in das er sie zu seiner Be-trachtung und Bewunderung der Natur setzte, erhöhte ihm die Würdederselben noch mehr^). Jetzt kam er nach Deutschland zurück, und ge-rade nun brach die Revolution aus. Sie riß plötzlich die Bewunderungder Menschen aus einen andern Gegenstand, dem sich Göthe nicht ge-wachsen fühlte; sie zerstörte das Privatleben und dessen alte Gemüthlich-keit; sie warf ihn aus dem tiefen Frieden eines Landes, das ganz mitden elegischen Eindrücken einer Ungeheuern Ruine erfüllt, in das bewegteLeben des Krieges, er machte die berüchtigte Campagne selbst mit, in derenCharakter seine Schilderung so vortreffliche Blicke werfen läßt. DerSohn einer freien Stadt, die dem großen politischen Leben entfremdetwar, eines Landes, das in der Blüte der Wissenschaften stand, der Dienereines guten Fürsten, der Mann des Friedens, wie sollte er nicht von die-sem grellen Wechsel der Verhältnisse ganz erschüttert worden sein? EinenUeberblick politischer Verhältnisse hatte er nie sich zu eigen gemacht; Zei-tungen waren von ihm und seinem engen Kreise entfernt; weder Friedrich,noch Katharinens Türkenkriege, noch Corsica und Amerika hatten ihnweiter gefesselt, als sie die größere Gesellschaft berührten. Schon vordem Ausbruch der Revolution hatte daher die Halsbandgeschichte einenfast unbegreiflichen Eindruck auf ihn gemacht. Er hattedie Betrügereienkühner Phantasten und absichtlicher Schwärmer verwünscht, und sich über

82) Wie weit unter der künstlerischen Schöpferkraft Göthe die praktische desStaatsmann's sah, sprechen ungemein bezeichnend ein Paar Worte von ihm an Ecker-mann aus, in denen er sie zwar höher zu heben scheint. Etwas komischer und feinerCharakteristisches erinnern wir uns selten gelesen zu haben, und charakteristisch nicht fürGöthe allein, sondern für die ganze Denkart und Natur des deutschen Schriftsteller-geschlechtes. Göthe nannte im Gespräche Napoleon einen der produktivsten Menschen,die je gelebt hätten. Und auf die großen Augen seines Jüngers fuhr er fort:Ja ja,mein Guter, man braucht nicht bloS Gedichte und Schauspiele zu machen, um produktivzu sein; es gibt auch eine Produktivität der Thatcn, und diein manchen Fällennoch um ein Bedeutendes höher steht!! "