352
Schiller und Göthe.
sagt, aus die neue Sache wüthend war, weil er auf dem Marsfeld einpaar Rippenstöße erhalten hatte, gab der Masse den Ton an, und diePolitiker wie Gentz, Rehberg u. A. stimmten in Burke's Sinne, dieEinsichtigen entgegen; alle Blätter ergriffen die aristokratische Seite, unddie bloße Besprechung französischer Freiheitsschriften erregte den Ver-dacht des Demokratismus. Jetzt kam die Zeit, wo sich Wien an Berlinrächen konnte, und der Obskurantismus seinen Grimm aus die Aufklä-rung losließ. Das Wiener Magazin der Literatur und Kunst, von demErjesuiten Hofstätter und Haschka, die berüchtigte Wiener Zeitschrift,von Aloys Hofmann, schütteten allen verhaltenen Zorn aus, sowohl ausdie österreichischen Schriftsteller, die wie Alringer, Sonnensels, Retzeru. A. dem neuen Geiste der Literatur in Deutschland gefolgt waren, alsauch auf die berliner Protestanten und Jlluminaten. Man hatte ge-meint, die eitlen Zänkereien über den Illuminatenorden seien vorüber;Nicolai hatte ihn schon ein Projekt ohne Menschenkenntniß und Ueber-legung genannt, das nie Zusammenhang hätte erhalten können, und dasschon so gut wie verschwunden sei. Aber jetzt ward er selbst zum Jllumi-natenzögling Leuchsenring's und Bode's gemacht, und die bösen berlinerAufklärer sollten die Anstifter der ganzen französischen Rebellion sein.So sagten anonyme Schriften, so sagten jene Zeitblätter, so sagte Stati-ker, so sagte Zimmermann in seinen Fragmenten über Friedrich denGroßen. Welch ein Aufruhr ward es, als dieser hier von einem Bundezum Umsturz der Staaten sprach, an dem er nahmhasten Literaten Schuldund Antheil gab! welch ein Skandal, als er an den Kaiser Leopold überden Wahnwitz unseres Zeitalters schrieb, und die Regierungen aufriefgegen dieses Gespenst, und als sich die Nachricht verbreitete, der Kaiserwolle einen Fürstenverein gegen die Jlluminaten bewirken! Wenn dieseund ähnliche Verdächtigungen und Verfolgungen Manchen von seinemInteresse an den Staatsveränderungen in Frankreich abschrecken konnten,so waren wieder Andere, die der moralische Eindruck abwendig machte,den sie unter den steigenden Greueln in Paris empfanden. Um sich vondiesem moralischen Abscheu das rechte Bild zu machen, um ihn in seinerganzen Tiefe und Verbreitung nachzufühlen, darf man nur die erstenbesten Schriften unserer Literatur aus jeuer Zeit aufschlagen. Man darfsich, nm einige Beispiele anzuführen, nur in den Briefen Schlosser's Um-sehen, der sich wie in einen Sumpf gestürzt fühlte, der sich ganz in religiöseGefühle zurückzog, und selbst da nicht das Vertrauen wiedcrfinden konnte,das er immer besessen und jetzt verloren hatte: daß nämlich in dem Gan-zen der Menschheit etwas von dem Ebenbilde Gottes liege; er trachtete