Druckschrift 
5 (1853) Mit einem vollständigen Register über alle fünf Bände
Entstehung
Seite
349
Einzelbild herunterladen
 

Geschichte und Politik. (Göthe.)

349

machte. Aber das ist kein Zufall, daß vor den baierischen Asstsen (einmerkwürdiges Zeichen der Zeit!) die Humanitätspredigten Herder's undJean Paul's zum Schilde des Liberalismus gemacht wurden, daß sichdie Jugend zu diesen lächerlichen Hoffnungen überspannt und dadurch^ alle Kraft vergeudet, wodurch sie dem Vaterlande, verständig auf dasi Nächste und Mögliche gerichtet, in Wahrheit von seiner politischenSchmach weghelfen könnte, daß Männer wie Börne als die Schüler underwählten Rüstzeuge dieser falschen Propheten bei den Mißleiteten undUnverständigen Figur machen, die ein Flecken an dem deutschen Vater-lande sind.

Daß diese politischen Träume, diese überspannten Erwartungen vondem Fortschreiten der Menschheit und der Staaten damals in den über-spannten Köpfen erzeugt werden konnten, dies war übrigens mehr alsnatürlich: denn auch sie wurzelten in dem allgemeinen Humanismusund jener Empfindsamkeit, die in den kirchlichen Glauben Duldung, indie Schule Menschlichkeit gebracht, die das Bild vollkommener Staatenin Romanen längst entworfen hatte, und der es eine Kleinigkeit schien,diese Ideale zu verwirklichen, wenn sich nur Regierungen und Völker imguten Willen einmal begegnen wollten. Die entfernten Vorgänge inAmerika, von denen man blos das Leuchtende und Glänzende sah, derI Charakter eines Franklin, der der deutschen Gemächlichkeit so nahe trat,! alles das wirkte mit, auch in diesem Gebiete Ideal und Wirklichkeit inden poetischen Köpfen an einander zu reihen, wie es in allen übrigenBeziehungen geschah. Als daher das große politische Schauspiel in^ Frankreich begann, ward es in den ersten Momenten mit Jubel begrüßt,und nur die ganz entschieden gar keinen Sinn für politische Dinge, oderEin Interesse mit den Höfen und Regenten hatten, erhoben gleich an-, sangs ihre Stimmen gegen diese neuen Erscheinungen. Aus der erstenI Wärme quollen jene Systeme Jean Paul's; und jene Hoffnungen Her-der's und Wieland's schienen gerechtfertigt zu werden, als man in Frank-reich den langen Druck barbarischer Jahrhunderte abschüttelte, ohne daßes anfangs schien, als werde man von Seiten des Volks verjährte Un-gerechtigkeit mit plötzlicher ungerechter Rache vergelten. Wie laut erhubdamals Klopstock seine preisende Stimme, deren Wirkungen selbst dannnicht verloren waren, als er sie nachher zum Fluche umstimmte. Er hattegedacht, so sangen seine Oden, daß Friedrich's Kampf die größte Thatdes Jahrhunderts sei. Jetzt nicht mehr! Frankreichs Bürgerkrone seimehr als dieser Lorbeer. Er heißt die Weltannalen durchwandern undein Aehnliches suchen! Er fragt die Deutschen: was ihr Schweigen