Druckschrift 
5 (1853) Mit einem vollständigen Register über alle fünf Bände
Entstehung
Seite
348
Einzelbild herunterladen
 

348

Schiller und Göthe.

der keiner Probe fähig ist, wo man, wie oben geschah, über die Gesetzeder Welt und Natur gleichgültig hinwegspringt, da scheiden sich die Wegedes Enthusiasten von dem des redlichen unbetcogeuen Beobachters. Wirkönnen nicht über die Bedingungen des Daseins uns mit einem Sprungeweghclfen; es gehört zu den Gottmcnschen Jean Paul's, wie den Kos-mopoliten Wieland's, daß ihre Politik jene Höhen der Menschheit er-wartet, ohne auf den einzelnen Stufen dahinzuführen. Wenn dieseGottmenschen den ewigen Frieden werden auf die Erde gebracht haben,so wird das Greisenalter der Welt angebrochen sein^"), und das Un-vermögen wird sich jener Tugenden der Friedlichkeit und Menschlichkeitrühmen; uns menschlichen Menschen sei daher der Krieg und die Un-gleichheit der Luft lieber, denn das weiß der unterste Matrose, daß einSturmwetter besser ist als eine Windstille, und nur ein schwacher Geistkönnte die Verwesung bei lebendigem Leibe dem Tode vorziehen wollen.Wie ist es möglich, daß in einem gesunden Volkskörpcr diese AnsichtenvolkSthümlich, diese Träume wirksam werden konnten! Der verkündendeEvangelist selbst hat die Zweideutigkeit nicht fehlen lassen, die allenEvangelien und Orakeln eigen ist, und die im Nothfall vor Spott undVorwurf schützen kann. Er scheint sein goldenes Zeitalter so nahe zusehen, wenn er sagt, die längsten Regenmonate der Menschheit seien vor-bei, die künftigen Kriege könne man zählen; und doch setzt er gleich dar-auf wieder das Zeitalter jener moralischen Tag- und Nachtgleiche gleich-zeitig mit der, die die Astronomen unserer Erde versprechen, nämlich nach400,000 Jahren. Seine Jünger aber legen schon jetzo Hand ans Werk;der 25jährige Frieden, und die Emaneipation der Sklaven, die Bekäm-pfung der Todesstrafe, die Federkriege, die Künste der Diplomatie, dieBücherflut und die goldenen Jahrzehnte der Schreiber scheinen die Vor-boten der ersehnten Friedenszeit zu sein, wie der wahren Weltliteraturund Weltrepublik. Es ist wohl mir ein Spiel des Zufalls, daß ausJean Paul's Geburtsorte der unglückliche Jüngliug stammte, der zuerstunter uns seine politischen Phantasmen in die Wirklichkeit trug und denunseligen Anlaß zur Erneuerung unserer politischen Unmündigkeitserklä-rung gab, was denn wieder neue Ausgeburten der Schwärmer nothwendig

80 ) Göthe sagt von Herder'S Ideen ganz vortrefflich:Er wird den schönenTraunrwnnsch der Menschheit, daß es dereinst besser mit ihr wird, trefflich ausgeführthaben. Auch,.muß ich sagen, halt' ich es selbst für wahr, daß die Humanität endlichsiegen wird ; nur fürchte ich, daß zu gleicher Zeit die Welt ein Hospital und Einer desAndern humaner Krankenwärter sein wird."