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Schiller und Gvthc.
der Weltbegebenheiten wird man darin entdecken, noch auch den einzelnenStoff, aus dem man eine geschilderte Zeit erst kennen lernt. So wahres ist, was W. Humboldt bei Gelegenheit Vieser schiller'schen Werke ge-sagt hat, daß es um den Historiker schlecht bestellt sein möchte, der nichtsvon poetischen und philosophischen Gaben mitbringt, so ist eS doch ge-wiß eben so mißlich um jenen, der mehr von diesen als von eigentlichhistorischem Talente besitzt. Richtig verstanden, ist es gewiß richtig, daßder Historiker den gesammelten Stoff mit freier Hand erst in sich auf-bauen und zur Geschichte gestalten müsse; aber wer dabei nicht dieäußerste Ehrfurcht vor der Materie, nicht den vollkommensten Sinn fürdas einzelne Thatsächliche, wer nicht die Gabe hat, die aus diesem ge-fundene Idee wieder aus eine weite Strecke durch die kleinsten Einzel-heiten zurückzuverfolgen, und, wenn er sich auf das Nvthwendigstebeschränkt, nicht überall verräth, daß er sich nicht aus Armuth und ge-zwungen, sondern trotz der Fülle und freiwillig beschränkt, der muß uoth-wendig den Zweck und den Vortrag der Geschichte gleich verfehlen. DieHistorie hat so gut wie Philosophie und Poesie ihren eignen Stil: siesoll aus einem Reichthum faktischer Anschauungen reden, und wird danngewiß am spätesten auf jene rednerische Ausstattung fallen, diedaöThal-sächlicbe so nur in Bausch und Bogen behandelt ^). Der Beifall, denSchiller'ö historische Schriften lange gefunden haben und zum Theilenoch finden, belegt es nur aufs neue, wie urtheilslos das Publicum insolchen Dingen ist. Baggesen meinte, Schiller sei Deutschlands erster,ja vielleicht aller künftigen erster Geschichtschreiber. Sachverständige,wie Niebuhr, haben sich über die Nichtigkeit seiner Geschichten schonungs-los ausgesprochen, und wir würden dies Urtheil hier wieverholen, wennnicht Schiller selbst eben so streng darüber geurtheilt hätte, und wenn esnicht überall eine Pflicht der Gerechtigkeit wäre, treffenden Tadel dortzunächst zu suchen, wo er zugleich ein löbliches Zeugniß der Selbst-erkenntniß ist. Schiller war zur Geschichte aus innerer Neigung undaus poetischem Bedürfnis; gekommen; zum Lehrer und Schriftsteller warder in diesem Gebiete aus materiellem Bedürfniß, und weil ihn die Pro-fessur der Geschichte in Jena (l789) überfiel, wie Göthe'n das Ministe-rium. Er wußte wohl, daß mancher seiner Zuhörer mehr Geschichteverstehen konnte als er, und daß er die mangelnden Kenntnisse mit red-
77) „Ein guter Kopf wendet desto mehr Kunst an, je weniger Data ihm vorliegen;Er wählt gleichsam, seine Herrschaft zu zeigen, sich aus den vorliegenden Datis wenigeGünstlinge aus, die ihm schmeicheln, er versteht die übrigen so zu ordnen, wie sie ihmnicht widersprechen, die feindseligen zu verwickeln und zu umspinnen u. s. w." Göthe.