Unmittelb. Einwirk. d. Wissenschaften u. Lebenszustände. 329
Journal! Wir Männer sollten solche literarische Kaffeegesellschaften garnicht dulden, so wenig wie die unfigürlichen. Die Werke der Poesie findso vorzugsweise für das schöne Geschlecht geschaffen; der Geist derFrauen nährt sich nicht an Wissenschaft und Leben; der Mann bereitetihm aus diesen weiten Gebieten, was ihm Bildung und Genuß schafft;> er lebt auch hier dem mühseligen Erwerb wo das Weib dem Besitze und' der Empfänglichkeit leben darf. Es ist nun bloße Zufahrigkeit, daß mandas Zugerichtete wieder zurichten, die gerüstete Tafel umdecken und um-stellen will. Denn was hat uns jene ganze Literatur Dauerndes, washat sie uns Eigenes gegeben? Sie konnte nur die schönen Formen nach-ahmen, die Materien mußte sie immer aus dem Stocke der Männer-literatnr hernehmen; denn was dächte man auch von dem Weibe, dassich in dem Leben selbst die reichen Erfahrungen sammeln wollte, die nurfür eine mittelmäßige Schriftstellerin, wenn sie selbständig sein soll,nöthig wären? Für die bescheidenen Ansprüche freilich, die man an dieLektüre des Tages macht, ist auch bald gesorgt, ohne daß man so großeAnstrengungen machen dürfte. Wir in dem einförmigen Geleise des Ge-schäftslebens bedürfen der Erholung, und man darf es am Ende nochals Zeichen der Bildung und eines bessern Sinnes ansehen, wenn wirnach einer geisttödtenden Arbeit uns doch noch nach einer geistigen Er-holung umsehen. Wir wollen nicht unbillig sein gegen die Unterhaltungs-lektüre, deren Nothwendigkeit unwidersprechlich ist; wir können nicht dieMühseligkeiten aus unserem Leben wegbannen, die uns in der Stundeder Ruhe keine Anstrengung gestatten. Allein sobald wir, von der Ge-schichte der eigentlichen Dichtung ausgehend, den jähen Verfall derselbenfast vor ihrer Blüte erfahren, so werden wir uns kaum des Nnmuthserwehren, wenn wir auch hier wieder bestätigt sehen, was wir von Ur-anfang an zu finden meinten, daß das Herabziehen der Literatur in dieMasse uns an den höchsten Entwickelungen überall gehindert hat. Werdies historisch erwägt, der wird zwischen dieser Alltagsliteratur und derhöheren Dichtung das Verhältniß finden, wie zwischen Privatleben undöffentlicher Geschichte; und so natürlich es ist, daß der Geschichtschreiberan jenem vorübergeht und es desto mißmuthiger betrachtet, je mehr dieBehaglichkeiten der Privateristenz den Geist des öffentlichen Wirkenserstickt haben, so erklärlich ist es auch, daß wir diese Privatpoesten liegenlassen, obwohl sie den Stamm der wahren Dichtung überrankten, daßwir Partei nehmen für das Unsterbliche gegen das Ephemere, wie dieGeschichte überall in der Fülle der Dinge zu thun genöthigt war. Aberauch ästhetisch betrachtend neigen wir uns zu der Strenge des Urtheils,