326 Nebersicht der schönen Prosa (Romanliteratur).
und Benedikte Neubert, die seit ihrem Eginhard und Emma (1785) einelange Reihe historischer Romane, meist mittelalterigen Stoffs, geschriebenhat; die Bibliothek der Romane, die die alten Rittergeschichten im Ge-dächtniß ausfrischtc, konnte übrigens, selbst mit den Originalen vor sich,den Ton für die alten Stoffe noch nicht so finden, wie es der späterenromantischen Zeit gelang. Der frische Produktionstrieb nach den Empfin-dungen und dem Stile der Zeit wog zu sehr vor. Dies kann man beiVulpius am besten sehen, der, an der Romanbibliothek thätig, sich ganzin die alten Rittergeschichten hineinstudirte, aber nicht mit seinem Kallv-ander und Gabrino, sondern mit seinem Rinaldo Wirkung machte, dersich würdig an die obige Reihe anschließt. Es gehört in eine andere Zeitschon, wie es endlich besser gelang, die Zeitcharaktere zu individualistrendurch Kompositionen, Charaktere und Färbungen, die nach ernsteren ge-schichtlichen Studien im Geist der Zeiten gedacht und entworfen waren,und die so das dürre Gerippe der historischen Neberlieferung mit demrunden Fleische der Dichtung umgaben. In Deutschland haben die Er-zeugnisse dieser Art von den gekünstelten und affektirten Romanen Fou-guo's an eine regelmäßige Bildung durchgemacht, bis sie es neuerdingsin einzelnen Fällen zu einem naiven Charakter gebracht haben. In dieserGattung hat sich Walther Seott den Namen eines großen Dichtersmachen können, und ist als ein solcher selbst von Göthe in der Zeitgepriesen worden, da er im Charakter des Dilettantismus Alles, waser nannte, dilettantisch beurthcilte und lobte, und was er nicht nannte,als Dilettantismus verwarf und verdammte. Am ernsthaftesten undwissenschaftlichsten hat in Deutschland den Geschichtsroman Wieland imAristipp (1800) behandelt. Der Mann, der von der Cyropädie ausging,schloß billig seine erzählerische Laufbahn mit diesem Werke, das sichneben den Reisen des jungen Anacharsiö auspflanzt und mit diesem anseiner gewissen Höhe jenes Bestreben des 17. bis 18. Jahrhs. darstcllt,alles Wissenswürdige aus bestimmten Fächern und Zeiten zur nähernAnschaulichkeit zu bringen. Es ist für Deutschland charakteristisch, daßsich Wieland in diesem Werke zu einen Cicerone nicht in der äußeren,sondern in der geistigen Welt von Athen zu Aristipp's Zeiten macht;und für Wieland charakteristisch, daß er noch einmal seine Unfähigkeitdes breiteren bekundet, sich in frcmdeZeiten zu finden, und andern Leutenandere Philosophien als seine eigenen zu leihen. Die Beurtheilung desAristipp ist dadurch schief, daß sich Wieland ihm wie allen seinen Lieb-lingen überall untergeschoben hat; die Beurtheilung des Plato aber,die eine breite Stelle entnimmt, ist dadurch sehr unwohlthuend geworden,