324 Uebersicht der schönen Prosa (Romanlitcratur).
nicht findet. Bei diesen beiden Fächern ändern wir daher unfern Weg.Wir »ersparen uns den Seitenblick auf die Veränderungen, die hier vor-gingen, auf eine Stelle, wo wir die mittelbaren Einflüsse von dort aufunsere größten Dichter anführen können, nicht wo wir, wie bisher, dieunmittelbaren Einflüsse der Wissenschaften und Lebenszustände auf diemittelmäßigen Schreiber angaben.
Wenn der philosophischen Romane überhaupt sehr wenige waren,so hatten dagegen die Geschichtsromane eine eigentliche Epoche, die mitder pädagogischen nicht allein zusammenfällt, sondern auch zusammcn-hängt. Als die Wissenschaft der Geschichte hergestellt wurde, so galt es,dem großen Haufen die reizenden Punkte derselben in einer verständlichenWeise beizubringen: man fügte sich auch hier den Bedürfnissen des altenKindes Publikum, indem man sich zu seiner Schwäche herabließ. JedeDichtung, die sich fortwährend an Gelegenheiten übt, wird handwerks-mäßig werven; übt sie sich gar an stehenden Gelegenheiten, wie manvon aller Beschäftigung unserer Romanschreiber mit pädagogischen Lese-büchern und Geschichtstoffen wohl sagen kann, so wird sie dies nur destoverächtlicher und werthloser machen. Wenn die Poesie in der Geschichteihre Materien sucht, um sie mit freier Selbständigkeit zu behandeln, sowird sie nur Vortheile von diesem Bunde ziehen; sobald sie ihre Dürftig-keit damit verbergen will, wird sie ihre Blöße desto augenfälliger machen.Es war eines der bedenklichsten Zeichen unserer poetischen Bildung, alsman seit Götz von Berlichingen immer mehr und mehr historische Stoffein Roman und Schauspiel hervorsuchte, und mit der geschickt getroffenenhistorischen Färbung meinte eine poetische Wirkung hervorgebracht zuhaben, indem man ein Ersatzmittel für die Sache nahm. Diese Gattungmußte mit der romantischen Zeit, die sich ganz dieser Farbenkunst hingab,ganz den Formen und Tönen oblag und um den Gehalt sorgloser ward,ihre Höhe erreichen; sie nimmt überhaupt die eigene Stellung ein, daßsie sich in dem Maße verfeinerte und vervollkommnte und an Geltunggewann, als die eigentliche Poesie verfiel und ausging. Damals, alsunsere Dichtung nach ihrer Höhe strebte, gingen diese Romane von denschlechtesten Anfängen aus, denen man eine so breite Entwickelung kaumversprochen hätte. Hallcr's Usong (I77l), den man als den Ausgangs-punkt ansührcn kann, lehnt sich mit seiner politischen Moral und Gelehr-samkeit, als eine Helden- und Staatsaktion mit rittcrhaften Abenteuernund Schlachten, in der Sprache unserer Tragödie vor und unü Gottsched'sZeit, noch ganz unmittelbar an die alten Romane des 17. Jahrhs. au.Sein Alfred (1773), der den Zweck hat, der gemäßigten Monarchie wie