308 Uebersicht der schönen Prosa (Romanliteratur).
Jesu und seiner Jünger zu entkräftigen sucht. Wie sehr er die GeschichteChristi rationalistisch behandelt und dabei wohl selbst an Bahrdt undseines Gleichen erinnern kann, so hat er doch in seiner planen Weise hiervortreffliche Sachen über die historische Bedeutsamkeit des Christenthumsgesagt, und damit die Anregung zu einer Betrachtungsweise gegeben,die vielleicht noch lange nicht angebaut genug, und bei weitem die frucht-barste ist, eine Zeit wie die unsere für das Christenthum billig gestimmtzu halten.
Während in den religiösen Ueberzeugungen die Veränderungen vorsich gingen, die wir bisher durchlaufen haben, bereiteten sich ähnlicheund größere im Erziehungswesen vor, die von weit eingreifenderenFolgen werden sollten, und die eigentlich allein in der Masse denStand unserer Kultur so mächtig umgewandelt haben. Die Glaubens-kämpfe gingen bei uns vorüber, ohne in die Formen des Lebens einzu-wirken; die Kirche blieb unberührt von ihnen: ein Zeichen, daß sie nichtmehr in die organischen Entwickelungen des Nationallebens hineingehör-ten, daß die Religion aufhöcen sollte, das hauptsächlichste Triebwerk inder Volksbildung abzugcben. Die neuen pädagogischen Lehren aber ge-stalteten die äußere Form, die Schulen, ganz um, sie belebten dieseerstarrten Anstalten, die seit der Reformation kaum Einen Anstoß erlittenhatten. Daß die religiösen Neuerungen den Körper der Nation nichtmehr berührten, liegt nicht allein darin, daß die populärsten Männerjeder Seite, die Lavatcr und Bahrdt, gerade im Volke keine Wirkungmehr machten, sondern es ist besonders daraus klar, daß, wie wir sagten,die gewonnene Höhe der Aufklärung nur das Vorrecht einer kleinen Ari-stokratie blieb, die sich desselben mäßig, und ohne Aergerniß zu geben,bediente, ja dem äußeren Benehmen nach sogar darauf zu verzichtenschien; und daher kam es, daß auch die Gegenwirkung der Romantikergegen diese heidnische Aufklärerei durchaus nur in dem Kreise der Aristo-kratie blieb und die Masse des Volks, wie sehr man dies auch gefürchtethatte, nicht berührte. Die neuen Erziehungslehren dagegen beurkundetendarin sogleich ein unweit größeres Interesse, das sie dem Volksganzeneinflößten, daß der Urheber dieser Neuerungen, trotz unweit kleinerer An-lagen, trotz seiner sehr unempfehlenden Persönlichkeit, trotz seinem balddurchschauten Charlatanismus allen Parteien, den Lavaterianern undNicolaiten, eine gleiche und große, wenn auch schnell vorübergehende