304 Uebersicht der schonen Prosa (Romanlitcratur).
seits von seinen freigeistigen poetischen Schülern. Es erschien im Anfangder 80er Jahre eine kleine Flugschrift, die ihn ausforderte, die Menschenvon dem Religivnsgespenste zu heilen. Dies nahm er gewaltig übel.Ec schrieb 1783 Antworten und Gegenfragen ans die Zweifel und An-fragen eines vorgeblichen Weltbürgers und beklagte sich darin über dasSaturnalienmäßige der stürmischen Aufklärerei, und über den wachsendenUnglauben, der ein gröAreö Elend über die Welt bringen würde, alsAberglaube und Möncherei ungerichtet. Machten ihm diese Himmels-stürmer Sorgen, so kümmerten ihn dagegen die neuen Seher und Wun-derthäter und Propheten doch mehr, wenn er sie auch nicht in dem Lichtbetrachtete, in dem Adelung in seiner Geschichte der menschlichen Narr-heit alle Dämonistiker der Welt im grellsten Uebecmaße des dürren Prag-matismus in das TollhauS verbannte. Wieland schien es für nöthig zuhalten, sich bald nach der Gegenseite hin zu erklären,'damit man ihnnicht aus jenen Antworten für einen Finsterling halte. Im Merkur er-schien 1788 sein Aufsatz über den freien Gebrauch der Vernunft in Glau-benösachcn. Er verfocht darin nicht nur die Rechte der Vernunft, sondernauch die Nothwcndigkeit der wirklichen Ausübung dieser Rechte, unddies in einem so starken Stile, daß man wohl merkt, wie auch hier Les-sing'ö polemische Schriften eingcwirkt haben. Wieland bekennt sich hierfrei zum Deisten und Bekenner der natürlichen Religion, die ihm in denzwei Punkten von Gott und Unsterblichkeit erschöpft war; er nennt denGlauben an das Wunderbare und die Begierde das Künftige zu wissen,die schwächste Seite des Menschen. Seine Stellung gegen das Pabst-thum ist ganz offene Kriegserklärung: er meinte, wenn wir unS nurentschließen könnten, so zu verfahren in Allem, als ob das Unglück vonRoms Sturz geschehen wäre, würde der Sturz bald erfolgen. Er ahnterichtig voraus, was in Frankreich bald geschehen sollte, aber nicht, daßeS eine seiner idealistischen Hoffnungen war, einen solchen Erfolg jetztschon von Bestand zu glauben. UcbrigenS gibt er über seiner Deistereiund seinem Antipapismus keineswegs das ganze Christenthum auf. Erist vielmehr ganz auf Herder's Standpunkt, mit dem er in diesen Zeitensehr befrenndet war: er war überzeugt, daß die Hanptfestnng des Chri-stenthums, mit Aufopferung der unhaltbaren Außenwerke,sich gegen alle Angriffe der Vernunft behaupten könne, und er bedauertenur, daß wir Protestanten keinen andern Stützpunkt hätten als die viel-gedeutcte Bibel, so daß uns nichts übrig bliebe, als Allen das Rechtzuzuerkennen, nach eigener Ueberzcugnng zu glauben. Als Wieland die-sen Aufsatz schrieb, fing schon zu gleicher Zeit sein übersetzter Lurian an