Uninittelb. Einwirk. d. Wissenschaften u. Lebcnszustände. 297
^ Menschheit dem der Christenheit entgegen; die Lehre im Nathan fing sobald an ihre Früchte zu tragen. Er war von der Befangenheit der Schle-gel u. A. frei, die in dem Begriffe des Christen des Menschen ganzen^ Beruf ausgehen sahen. Er wußte dem Menschen keine edlere Bestim-mung, als die in seinem Namen liegt; Humanität war ihm der Ruf zujener Ausbildung alles dessen, was zum Charakter unseres Geschlechtesgehört, zu dem, was Göthe und Schiller Kultur nannten; der Begriffder Thätigkeit lag ihm hierin eingcschlvssen, wie Göthe'n auch: da unserGeschlecht selbst aus sich machen muß, was aus ihm werden soll undkann, so darf Keiner müßig bleiben; er muß aus sich selbst machen, waser soll und kann, wenn er etwas zum Besten der gesummten Menschheitsoll beitragen können. Humanität nannte Herder in den H u m a n i t ä t s-briefen (1793—7) das Gefühl der menschlichen Natur in ihrer Stärkeund Schwäche; er setzte sie ausdrücklich der Brutalität entgegen, die aufdem Naturstande beharren wollte; er setzte sie aber auch schweigend demGottähnlichkeitsbestreben der Christlichen entgegen, die sich ihrer mensch-lichen Natur überhoben; er predigte gegen Swift, der den Menschenzu Uahoo erniedrigen wollte, und gegen Uoung, der ihm in seinem jetzi-gen Zustande die Würde des Seraphs anschmeicheln möchte. Er suchtein jenen Briefen den Geist des Humanismus in aller Geschichte undLiteratur auf: er empfahl ihn in dem Deisten Shaftsbury und in demNaturdichter Homer; er fand ihn im Horaz und Petrarea; er saugte ihnin vollen Zügen aus den Schriften und der Kunst der Griechen ein, diemit ihrer geistigen Einfalt in allen Zweigen des menschlichen Thunsund Treibens mit so reizender Sicherheit die Blüten zu pflücken verstan-den. So fuhr er in Lessing's, in Luther's Weg, ja im Wege unserernationalen Bildung fort, Humanismus und Christianismus neben einan-der zu pflegen, und neben der Einseitigkeit der religiösen Kultur die all-gemeine menschliche nicht aus den Augen zu verlieren.
Das Christenthum war nach Herder's ganzem Vorstellungskreiseein wesentliches Moment in seiner gesummten Weltansicht, und wie lockerund lose sein Christenthum den heutigen reaktionaicen Theologen Vor-kommen mag, eS war keineswegs durch seine Aufklärung und Heiterkeitgebrochen, sondern nur gesichtet und geläutert. Diese Religion hätte sichHerder'n, auch wenn sie nicht bei seiner Geburt ihm eigen gewordenwäre, schon dadurch aufgedrungeu, daß sie dem Charakter der reinstenHumanität am nächsten lag, daß ihr Stifter ein Sohn Gottes und desMenschen zugleich war. Seitdem ihn dieser Begriff des Humanismuserfaßt hatte, legte Er, der so viel Sinn für Nationalpoesien und