276 Ueberficht der schönen Prosa (Romanliteratur).
denen man das Proselytcnmachen verargen wollte, das ihnen ihr Glaubezur Pflicht macht. Wir sind alle Proselytenmacher, meinte er, und nurden Gebrauch unrechtmäßiger Mittel darf man tadeln. Und er macht dieprotestantischen Eiferer zugleich aufmerksam, wie viel Schwäche der eige-nen Ueberzeugung sie vcrriethen, wenn sie so kleinlich (wie es in einemeinzelnen Falle vorlag, an den er seinen Aufsatz ankuüpfte) gegen jedeBekehrung empfindlich sein wollten. Können die Protestanten, sagt er,wirklich der Macht der Ueberredung nicht widerstehen, so ist ohnehin alleRettung verloren.
In den letzteren Bänden der nicolai'schen Reisebcschreibung nunkam der Kampf zwischen ihm und Lavater, der lange drohte, zum Aus-bruch. Nicolai hatte Lavater'n, außer den allgemeinen Irrungen seinerLehren und Schriften, seine Verbindung mit dem Jesuiten Sailer inDillingen zum Vorwurfe gemacht und sein Schönthun gegen den Ka-thvlicismus überhaupt. Ucbcr diesen Manu dürfen wir wieder nicht dieParteien hören, sondern Bronner, der ihn wohl kannte. Er nannte ihnden aufgeklärtesten Lehrer in Dillingen, ob er gleich in seinen Vorlesun-gen noch 1780 die Vernunft als einen trügenden Irrwisch verschrie. Ersuchte seine Schüler mit einem dogmatischen Zauberkrcise zu umziehen,aber die Denkkrast ließ sich nicht cinzwängcn. Die Jesuiten wurden hierihrer Aufklärung wegen beargwöhnt! Sailer nahm daher weiterhineinen stets heiligem Ton an, bildete seine Auserwählten zu Frömmlern,und dies, meinte Bronner, sei für den Jesuitismus immer die räthlichcreRolle, der unter der Maske der Aufklärung Gefahr laufe, die Jugenddenkender zu machen, als er haben will. Die Finsterlinge März undZeller u. A., die in ihrer „Sammlung der Schriften, welche seit einigenJahren zur Steuer der Wahrheit herauSgekommcn sind," alle gemäßigtdenkenden Katholiken angriffen, griffen daher Sailer nicht an; und den-noch schützte ihn seine späte Frömmigkeit nicht: als die Revolution auS-brach, die unsere Illuminateur aller Art angestiftet haben sollten, fiel er,und die Jesuiten legten die Vernunft an die alten Ketten. Nicolai ver-muthete von diesem Manne offenbar viel Aergcres, als von ihm zu fürch-ten war. Ec machte eö Lavater'n zum Verbrechen, daß er dessen Vcr-nuuftlehre empfohlen, und ein Gebetbuch von ihm in Zürich verbreitethabe, in dem er so wenig als möglich Unprotcstautisches finden wollte,obgleich Sailer selbst erklärte, es seien darin alle wesentlichen Lehren desKatholicismuö enthalten. Nun kam Alles zur Sprache, was Lavater'sZweideutigkeit beweisen sollte. Er habe Seniler und Steinbart Raub-thiere genannt, er habe den Berlinern zur Last gelegt, daß sie die Religion