Uninirtelb. Einwirk. d. Wissenschaften u. Lcbcnszustände. 267
die Bestimmung deö Menschen und seine Talente aus der Natur.Einen Menschen zwingen wollen, daß er denke und empfinde wie ich,heißt ihm meine Stirne und Nase aufdringen wollen. Dies ist die Phi-1 losophie unserer lucianischen Geister. Jeder Mensch kann nur,was er kann, und ist nur, was er ist, trägt nur wie der Baum seineFrucht, ist nur in seinem Bezirke frei, kann seine Kräfte brauchen und, mehren, aber nicht ändern und übernatürlich steigern, jeder ist Fürst,
^ aber nur in seinem Fürstenthum. Sei, was du bist, und werde, was
b du kannst, dies ist am Ende der allgemeine Ruf der Genies. Auf der
1 andern Seite aber ist nun die kleinliche und bequeme Art, wie hier die
I unendlich mannichfaltige Natur auf enge Regeln gebracht werden soll,
^ außerordentlich ergiebig für die pragmatische Betrachtung der Dinge,
I und es sieht daher viel natürlicher aus, daß Lichtenberg und Nicolai gute
Physiognomen sind, als daß Lavater. Es liegt noch mehr dürrer Ver-1 stand als Schwärmerei darin, daß man die ganze äußere Welt nur alseine Chiffre und Hieroglyphe der unsinnlichen betrachtet, daß man dieIdee im Auge lesen, die geistigen Kräfte im Knochenbau fühlen will.» Und wie ganz in diesem kleinlichen und pragmatischen Sinne LavaterI seine Physiognomik betrachtete und übte, ist ja bekannt genug. Er schienseine Studien auf die wissenschaftliche Begründung anzulegen, obgleicher später (in dem Auszuge von Armbrufter 1783), nachdem er die An-I griffe von Lichtenberg erfuhr, sich bescheiden erklärte, nur anregcn zu
1 wollen. In der That ist in seinen berühmten Fragmenten (1776) auch
nicht einmal ein gründliches Material für ein Fundament zu erbeuten,und Göthe war so äußerst mißmuthig über den Blödsinn, der in einem^ so weiten Gebiete kaum ein sicheres Ergebnis; zu Tage förderte. Wir: hören hier einen Architekten, der einen babylonischen Thurm bauen will,
der stets von dessen ungemeinen Eigenschaften und Bequemlichkeitenspricht, der Material zusammensährt, beschaut, zankt, die Witterungspürt, Plan, Aussicht, Boden, Nutzen und Alles bespricht, aber nichtdazu kommt nur zwei Ziegelsteine zusammcnzufügen. Es treiben sich dieI Rufe: forsche, lerne, sieh, beobachte, miß, beschreibe, zeichne — aber es1 geschieht nichts; cs ist noch kein Grundstein zu dem ueuen Tempel gelegt,I und schon hält der Baumeister, Plötzlich in einen Priester verwandelt,Andacht und predigt zur Beförderung der Menschenliebe. Er hebt seinerEigenthümlichkeit nach den moralischen und religiösen Nutzen dieser neuenWissenschaft hervor, den Andere wohl am spätesten gesucht hätten. Ersicht, ganz in Widerspruch mit aller Erfahrung, aus MenschenkenntnißMenschenliebe erwachsen, er meint, die Physiognomik müsse der Tugend