Z66 Uebersicht der schonen Prosa (Nomanliteratur).
Wahrheit und Ausdruck vor Ideal und Schönheit hängt sehr innig mitder physioguomischen Doktrin zusammen; der Apollokopf, die griechischeSchönheit gilt bei Lavater nichts, dagegen hat er manche an Karrikaturstreifende Larve der neueren Zeit schön gefunden. Theilweise hatte La-vater schon Vorgänger. Wolf, Sicher, Winckelmann konnten ihm Winkegeben; durch diesen Letztem war Herder schon 1768 auf seine Plastikverfallen, und Lavater bekennt, daß er Herder'n viel schuldig sei, sowiees bekannt ist, das Göthe seinen Antheil an den Fragmenten hat. Huarte'sBuch, von Lessing übersetzt, zählt unter die Vorarbeiten. Von einemPcuschcl erschien k769 eine: Abhandlung der Physiognomie, Metoskopieund Chiromantie, worin noch abenteuerliche Vergleichungen zwischenMenschen und Thieren, ausschweifende Folgerungen und abergläubischeDoktrinen Vorkommen, die aber doch immer als eine Anregung angesehenwerden muß. So nahe nun durch all dies der Gedanke zu einer Behand-lung dieses Gegenstandes lag, so auffallend kann es doch scheinen, daßgerade Lavater vor Allen darauf fiel. Ueberflüssige Gaben hat er auch inder That nicht dafür mitgebracht. Es fehlte ihm an einem scharfen Ge-sichte, an umsichtiger Wetterführung, an eigentlich wissenschaftlichemGeiste, an anatomischer und zoologischer Kenntniß; übrigens muß eraußerordentlichen Takt und physiognomisches Gefühl gehabt haben,wenn ihm auch scharfer, verständiger Beobachtungsgeist entging. Daßer so viele lächerliche Mißgriffe machte, kann seine richtige „Gesichts-empfinduug" nicht bezweifeln lassen, sowie es anderseits seinen mathe-matischen Sinn durchaus nicht beweist, daß er über einen Stirnmesscruachsann, der die Charaktere der Stirne bestimmen sollte; daß er, sichererals Columbus sein Amerika, einen allgemeinen Maßstab der Humanitätund Animalität ahnte, oder daß er ein Einmaleins der Menschheit,ein Organon zur Erkenntniß der Wahrheit entwerfen wollte. Wenn ihnnun die bloße Divinationsgabe, nach den Theorien jener Genialitäten,schon zu diesem Geschäfte befähigte, so gab eö innerhalb der Wissenschaftselbst solche Eigenschaften, die ihn von seinen zwei Seiten, mit denen erden Genies und den Pragmatischen augehört, fesseln mußten. Sie be-stätigte einmal die Lieblingssätze der Einen von der Gewalt der Natur.Die Physiognomik führte Lavater'n in Bezug auf die menschliche Freiheitauf den Satz, den Göthe einmal in eine Fabel gebracht hat, der Menschsei frei wie ein Vogel im Käficht. Aus dieser metaphysischen Wahrheitzieht er eine praktische, die ganz gegen die Humoristen und Pragmatikerist. Es sei Helvct'ö größte Sünde, sagt er, daß er die Erziehung als daseinzige Mittel der Bildung angebe. Er erkenne aus der Physiognomik