268
Uebevsicht der schönen Prosa (Nomanliterarnr).
so günstig als dem Laster furchtbar werden. Für diese Behauptung istkein einziger vernünftiger Erweis gegeben, vielmehr knüpfen sich an siejene berüchtigten praktischen Folgerungen, die vollkommen wie DonQuirote's Waffenthaten auf eine Säuberung und Läuterung der Weltausgchen, und das furchtbarste Unheil anrichtcn müßten; wenn sie insWerk gesetzt werden. „Furchtbar ist die Physiognomik dem Laster," sagter. „Laßt sie wirksam werden, und da stehen sie gebcandmarkt die Kam-mern und Konsistorien, die Klöster und Kirchen, voll heuchlerischer Ty-rannei, Geizhälse, Schmecrbäuche und Schälke, die unter der Larve derReligion ihre Schande bergen und Vergifter der menschlichen Wohlfahrtwaren. Abfallen wie welkes Herbstlaub wird alle Ehrfurcht, Hoch-achtung und Zuneigung. Man wird empfinden lernen, daß es Lästerungsei, solche bedauernswürdige Figuren für Heilige, für Säulen der Kircheund des Staats, für Menschenfreunde und Religionölehrer zu halten."Und dies soll Menschenliebe befördern? Das soll eine heilsame Wissen-schaft sein, die den Menschen als eine Maschine konstruiren könnte? Derrechte Physiognome sollte bei dem Anblick des Kopfbaues eines neuge-borenen KindeS sagen können: so wird sich in dem und dem Falle dasKnochensystem formen, so wird der Knabe, der Jüngling, der Mannwerden — sollte dies sagen können und wird's! Solche Hoffnungenbaute der Mann im Nu auf eine Wissenschaft, die in flüchtigeren Ele-menten arbeitet als die Meteorologie, für deren erste Grundlegungen dieganze Welt zusammen arbeitet! Wenn die Physiognomik dies wird, wasLavater erwartet, sagte Lichtenberg, so wird man die Kinder hängen, ehesie die Thaten thun, die den Galgen verdienen. Sturz ließ sich über jene -Hoffnungen halb ironisch hören: Wenn er sich seinen Gedanken über-lasse, daß die Ausführung eines physiognomischen Elementarwerks nichtunmöglich sei, so erwarte er noch mehr als Lavater. Er denke sich danneine so ausgebildete Sprache, daß nach einer wörtlichen Beschreibungeine Gestalt wieder hcrgcstellt werden könne, daß eine Physiognome auseinem künftigen Plutarch große Männer zu palingcnesiren vermöge, daßes ihm leicht werde, ein Ideal für jede Bestimmung des Menschen zuentwerfen. „Vortrefflich, ruft Lavater dazu; und, der Verfasser magscherzen oder ernsten, was ich Alles ohne Träumerei, ganz zuver-lässig schon von dem folgenden Jahrhunderte mit erwarte!" Mit sol-chen Idealen, fährt Sturz fort, behängen wir dann die Gemächer unsererFürsten und wer ein unschickliches Amt fordert, muß sich ohne Murrenberuhigen, wenn ihn sichtbar seine Nase davon auöschließt. „Lacht undlächelt, sagt Lavater; so wird's, so muß es kommen!" und so mahnt