Druckschrift 
5 (1853) Mit einem vollständigen Register über alle fünf Bände
Entstehung
Seite
261
Einzelbild herunterladen
 

Nnmittelb. Einwirk. d. Wissenschaften n. Lcbenszustande. 261

Seelenkräfte, unbedacht, daß dies eine Art Selbstmord des Geistesist. Der Mann, der zu den unmittelbarsten Gaben des Kindheitsstandesder Seele zurück will, zerstört muthwillg ihr Jnstinktleben, das durchjede Reflexion erschüttert wird, wenn sie irgendwie herbeigezwungen istund dauernd sein soll, weshalb z. B. jeder junge Mann, der von früheans aus Philosophie und spekulativer Theologie Profession macht, Ge-fahr läuft, aller natürlichen Entwickelung verlustig zu gehen. In einemsolchen Rcflerionsleben wird man immer bedachtsam wandeln, um nichtzu irren und fehlen, aber den größten Jrrthnm und Fehler wird mannicht bemerken, der darin liegt, die Zeit, die uns zum Handeln undWirken gegeben ist, mit Selbstquälereien zu verlieren und mit lächerlicherKleinigkeit zu zersplittern. Ein solches Leben macht Alles bedeutsam,weil es an das Kleinste die erhabensten Grundsätze anknüpft, und aufdas Unbedeutendste Werth legt. Dies war ja eben das, dies Zusammen-schmelzen des Großen und Kleinen, worin wir den humoristischen Charak-ter suchten. Und sind nicht jene Mystiker, in deren Weise Lavater Gottzu sich herab, sich zu Gott hinauf zieht, in deren Weise er das Alltäglicheemporhebt, das Heilige travestirtO"), die einzigen humoristischen Christen,die einzigen, die mit der Religion und ihren Quellen einen kühnen Scherzzu treiben nicht scheuen? und ist dies nicht ganz natürlich, da sie jedenAugenblick im Menschen den Gott fühlen und jeden Augenblick seineMenschlichkeit empfinden, immer zwischen seiner Würde und Unwürdig-keit, wie Lavater es ausdrückt, gctheilt sind? Was kann ein MenschStolzeres sagen, als was Lavater schon im Tagebuch verkündet:Ichbin in die Welt gekommen, der Wahrheit Zeugniß zu geben! Sieheda, deinen großen Beruf, Mensch! Jeder Sterbliche sieht einen Thcilder Wahrheit, und sieht ihn auf seine besondere Weise. Jedem erscheintdas Universum durch sein eigenes Universum. Zeugen, wie uns inuuserm Gesichtspunkte die Dinge Vorkommen, heißt königlich denken undhandeln! Das ist Menschen-Beruf und -Würde!" So freilich wäre derMensch zum Maßstab der Welt berufen! Allein nur der größte Menschsollte diesen Beruf in sich fühlen und aussprechen dürfen, denn sonst wäre

66) Wir wollen nur Einen Satz beispielsweise hersetzen :Der Mensch, der sichals Ebenbild der höchsten Kraft denkt, weiß, daß Gott wahrhaftig in ihm ist. Solchein Mensch wird ein durchscheinendes Medium der Lichtquelle und lebendigsten Liebe,die er sich als Ursache aller Ursachen denkt. Strahlen des Urlichtes entblitzen den heilig-sten Momenten seiner Verlorenheit in dem lebendigsten und liebevollsten All-Eins, durchdessen Glaubensintuition er mit Verrenkung seiner Hüfte allenfalls, nach einer ihm nn-ausweichbaren Vorstellungsweise, ein Ueberwinder Gottes werden kann."