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Uebersicht der schonen Prosa (Nomanliteratnr).
Auf diese kleinliche Seite seines Wesens ließ gleich 1771 das „ge-heime Tagebuch eines Beobachters seiner selbst" blicken, das Zollikofernicht ohne Verstümmelung herausgab, dessen zweiten Theil aber Lavaterselbst für acht erklärte. Wir können es neben vielen nachfolgenden Blät-tern und Schriften für einen Theil seiner Autobiographie ansehen, undans diesen Bruchstücken über sein christlich inneres Leben wie aus derGeschichte seines äußeren Wirkens werden wir einen hochkomischenCharakter aus der Klasse der Kleingeister erblicken, der uns vielleichtin einer nicht geringen Aehnlichkeit mit dem poetischenPantotyp derselben(Don Quixote) erscheinen darf. Wenn ein Mensch anfängt seine Ge-danken und Willensäußerungen zu beobachten, und er thut dies andersals aus der Vergangenheit, aus bestimmten Anlässen, in Zeiten einerKrise in seinem Innern, sobald er sich in der Gegenwart, auf dem Tag,im Momente belauschen will, so wird er nur die kleinste Zeit aufrichtigsein, er wird, je ernster es ihm ist, desto bälder am Morgen und Mittagseine Thätigkeit so einrichten, daß sie sich am Abend im Tagebuche vor-theilhaft ausnimmt, er wird ein Selbstbctrüger und ein geschrobenerMensch zugleich werden. Er wird, wenn er wie Lavater im Menschennichts als einen Christen sieht, ein religiöses, ein moralisches Phantasie-leben führen, ein viel gefährlicheres als das poetische. Wie Klopstock sichspannte und steigerte zn einem beständigen Beharren auf dem erhabenenKothurn und im poetischen Stande, so zwang sich Lavater, diesem Tage-buche nach, zu einem moralischen Beharren in Heiligkeit und im Gnaden-stand. Dazu brauchte er unnatürliche Reiz- und Erweckungsmittel; nichtallein die Gegenwart Gottes, sondern auch die eines Todtenschädelö,nicht allein Gebet, auch Händeringen und Kniebeugen. So viele undhäufig angewandte Mittel zerstießen dem Menschen unversehens mit demZwecke in Eins, und dies ist bei allen Kleingeistern und Pedanten dascharakteristische Abzeichen. Der Friede mit Gott und dem Gewissen, daskindliche uufurchtsame Gcmüth des Christen wird auf diesem Wege derUnterhandlungen mit Gott und sich selbst nicht erlangt, eben weil solcheUnterhandlungen blos ein Weg bleiben und ewig nie ein Ziel haben.Die unnatürliche Spannung, die Strenge, der Argwohn, der Krittelgegen sich und die Welt muß zuletzt eine religiöse Hypochondrie Hervor-rufen, die auf jede geistige Nahrung und Thätigkeit mit derselben Pein-lichkeit achtet, wie der physische Hypochondrist auf äußere Einflüsse undLeibesnahrung. In dieser Hypochondrie rechnet sich Lavater die holdeBcugsamkcit der Natur, die nach schmerzhaften Eindrücken bald wiederden heiteren offen steht,, als Schuld und Sünde an; er zerstört die zartesten