256 Ucbcrsichl der schönen Prosa (Romanliteratur).
daß er seine Mitschüler schon damals, wie später die ganze Welt, miteinem „halb stolzen, halb liebreichen Mitleid oft ansah." Wie Jungmachte er die Erfahrung, daß seine Kindergebete wunderbar erhört wur-den: der liebe Gott korrigirte ihm seine Erereiticn, „er ging äußerst zärt-lich mit um; seine größten Fehler wußten immer nur Er und wenigeFreunde, sein Gutes zog Gott ans Licht, wie sehr er es auch verbergenwollte." Kein Wunder, daß Lavater für diese Güte „an Gott attachirt"und ihm dankbar ward, und daß er auf diese Erfahrung seine Theorievon der Gewalt des Gebetes baute, obwohl mit der Zunahme derTheorie nach seinem eigenen Geständnisse die hohe herzerhebende Erfah-rung abnahm, weil natürlich mit dem Alter die Phantasiespiele derJugend aufhörten cinzugreifen. Kein Wunder aber auch, daß Lavaterhier schon anfing sich selbst und Andere zu betrügen. Wenn Gott seinGutes ans Licht zog, das er verbarg, verbarg er auch jene bösen StreicheLavater's, obgleich sich dieser nicht Mühe gab, sie dem Licht zu entziehen?Oder unterstützte eine angeborene Schlauheit und Klugheit den liebenGott in der Mühe, sie geheim zu halten? Diese seine praktischen Talentesind so oft von seinen Freunden gerühmt worden, die seine Gutartigkeitam lebhaftesten vertheidigten; warum sollten sie auch scheuen, der Tau-beneinfalt die Schlangenklugheit zur Gefährtin zu geben? Aber freilichkönnte sich so auch wohl das scheinbar Widersprechende vertragen, daßunter denen, die Lavater am besten kannten, Viele den aufrichtigenErnst bethcuern, mit dem er an seinen Lehrsätzen hing, während Anderean seiner unangefochtenen Ueberzcugung zweifelten, während Göthc ihneinen Freund der Lügen von Anfang an nannte, dem cs nichts koste, sichbis zur niederträchtigsten Schmeichelei erst zu assimilircn, um dann seineherrschsüchtigcn Klanen desto sicherer einzuschlagcn. Freilich könnte dieserVerein von guter Absicht und Übeln Mitteln, von Salbung und Mcn-schenkcnntniß, von Schlauheit und Schwärmerei, zu dem dann jenergeistliche Stolz noch hinzukommt, ganz gemacht scheinen, in hellsten Zeit-käufen das zu rechtfertigen, waö man im dunkeln Alterthum als dieSeele des Pfaffenwesens angesehen hat. Fehlte noch ein Bestandthcilzu diesem Charakter des Priesters im schlimmen Sinne, so wäre es ver-steckter Ehrgeiz, und auch dieser findet sich schon in dem Knaben Lavater.Er trieb sich immer mit großen Entwürfen um, er wollte Erfinder unvErbauer babylonischer Thürme sein, er machte Plane zu undurchdring-lichen Gefangenschaften, er phantasirte sich zum Haupte einer Diebes-bande, um den unsichtbar Wirkenden zu spielen. Auf diese letztere Be-scheidung selbst führte ihn seine blöde Natur; ec war steif, ängstlich,