254 Uebcrsicht der schönen Prosa (Romanliteratur).
gerückt worden; man glaubte an poetische Wundergaben, an unmittel-bare Begeisterung, an Eingebungen, deren wir nicht mächtig sind. Imsittlichen Leben ging man ganz ans dieselbe Weise zu den unmittelbarenEinflüsterungen der Natur und des Triebes zurück, und nannte Uebcr-einkunst und Mißbrauch, Hosmeisterei und Klcinmeisterei, was die Ver-nunft dagegen einzuwenden hatte. Auch in der Wissenschaft aller Arthatte Hamann diese Forderung gestellt, daß man von den grauen Theo-rien zurückkomme zu der ersten frischen Quelle der Anschauung und derEingebung. Seine Lehre wandte Herder auf Poesie, Geschichte, Sprach-knnde und Religion an, und hier mit jener brausenden Lebhaftigkeit, diewir früher in seiner Jugendgeschichte kennen gelernt haben. Mit demsel-ben jugendlichen Sinne, den wir in Lavater noch gesteigert wiederfindenwerden, warf sich Herder jenen Theologen, deren Lehre bis in die 70erJahre den festen Mittelpunkt der deutschen Theologie ausmachte, ent-gegen, ebenso wie sich die ganze Zeit gegen die Dichter des alten Schlkgsauflehnte. Wir haben es oben gesehen, wie Herder gegen Spaltung,mit dem Lavater anfangs befreundet war, losfuhr, und daher kommt eö,daß die allgemeine deutsche Bibliothek, wie gegen Hamann, so auch ge-gen Herder's theologische Erstlingsschriften bitter pvlemisirte. Die ganzeJugend stellte sich jetzt auf diese Seite des Instinkts, des kühnen Wurfs,des Ahnungs- und Schöpfungsvermögens im Menschen gegen die nüch-terne Verständigkeit der Berliner; und dies nicht allein in Beziehung ansPoesie, sondern auch auf Religion. Wie man damals Alles mit poeti-schen Augen ansah, so auch die Sagen und Schriftquellen des Christen-thums, und man wollte diese bei ihrer Poesie geschützt wissen, auch wennman keinen anderen Glauben daran hatte, als einen poetischen. Manhatte den großen Rückhalt an Klopstock, und Einer der jungen Genien,die jetzt von allen Seiten auftauchten, stützte den Andern. Göthe vertrugsich mit Jung, mit Herder, mit Lavater, und satirisirte gegen Vahrdt;Herder blickte an dem apostolischen Charakter Lavater'ö hinaus und er-munterte ihn bei dem ersten Hervortreten seiner wunderbaren Ansichtenauf eine gefährliche Weise; im ganzen Kreise dieser Männer war Keiner,den das Phantastische und Abenteuerliche in irgend einer Gestalt schreckte.Jung, Jaeobi, Claudius, Schlosser, Alle schienen sich mehr oder minderden neuen Religionsansichten anzuschließen und den prophetischen Geistzu nähren, der hier laut ward. Aus ganz anderen Kreisen hörte man dieähnlichen Stimmen der Hermes und Hippel. Lessing schien das Phan-tasicvolle und den poetischen Sinn der christlichen Dogmen zu billigen:Semler schien zurückzugehen, und ward von Bahrdt und Basedow seiner