s Unmiltelb. Einwirk. d. Wissenschaften, u. Lcbenszuständc. 253
^ Geisterkunde (1808) völlig zu jenen Vvlksklassen gleichsam herabgesunken,
' aus denen er sich anfangs emporgehoben hatte. Er bringt den Köhler-glauben in ein System, nicht mit der Gewalt jener bildnerischen Phan-i taste des Paracelsus, die einer poetischen Theorie der Geister noch ge-wachsen war, sondern mit dem ärgerlichen Widcrsetznngsgcist gegen diePhilosophie und Aufklärung der Zeit, der er zu folgen, die er zu begrei-fen nicht im Stande war, und mit jener Miene der Wissenschaftlichkeit,die sich gar nicht bewußt ist, daß sie auf ein Gewebe von halben physika-lischen Erkenntnissen und von Charlatanerien ein Gebäude der Wahrheitaufstellen will.
Wie sich Jung Stilling vorsichtig und friedlich hielt, und daS Aus-fallende eines Sektirers, eines Propheten, eines Sonderlings in denphantasielosen Zeiten der Kritik, der Naturforschung und Mechanik we-nigstens praktisch fühlte, obgleich theoretisch entschuldigte oder milderte,so warf sich dagegen Joh.Kaspar Lavater (aus Zürich 1741—1801)laut und eifrig gegen diese Zeit auf und verstockte sich im Trotze gegensie. Er machte sich für ihre Eigenschaften blind, er ließ sich von zerstreu-ten Zeichen eines jungen Lebens zu dem Glauben verleiten, die ersteKraft des Geistes dauerte auch in alten Geschlechtern aus, er beschwordiesen Geist, der ihm nur durch Sünde latent geworden schien, er mußtemit Unmuth erfahren, daß er eitle Gespenster für Erscheinungen diesesGeistes hielt, ließ sich aber dennoch nicht enttäuschen und wühlte sichimmer tiefer in seinen Eigensinn ein. Was uns den Aufschluß über diesenhöchst sonderbaren Mann gibt, wo die Quelle seiner Originalität liegt,ist im Grunde dasselbe, was wir bei Jean Paul gefunden haben. Erlebte von Kind auf ein thätiges inneres Stillleben, was ihn in seinemBewußtsein über Andere seines Gleichen wegsetzte, er ward aber äußer-lich abgestoßen und gegen Andere zurückgesetzt, denen er sich überlegenwußte; dies machte ihn auf alle Eigenheiten, Empfindungen und Phan-tasien seines jungen Kopfes desto erpichter, und er hielt nun gleichsam indemselben Trotze an dem Angefochtenen fest, wie er eS nachher im Gro-ßen nach den ersten Befehdungen seiner auffälligen Meinungen.vor derNation that. Dazu kommt dann, daß um ihn her eine Bewegung in demVolke und in der Zeit war, die diese phantastischen Jngendgrillen unter-stützte; die Nation feierte gleichsam eine neue Jugend nach, und dieseverschwindende Zeit wollte der, der ihr am innigsten angehörte, ebensofestbannen, wie er seine eigene Kindheit mit ihrem Seelenleben, das ihmlieb geworden war, festhielt. Wir erinnern uns an den Zustand unsererPoesie: sie war ganz der Sphäre des frühesten VolkSgesanges nahe