250 Übersicht der schönen Prosa (Roinanliteratur).
die genialen Jünglinge damals alles Poetische des Lebens und der Sittegut hießen; es tritt also ein poetisches Glaubensbekenntniß hart an dasreligiöse hinan. Die Bibel mit allem Wunderbaren und allen Wunderneinfältig zu glauben, ist schon die Vorschrift eines ganz unkritischen,ganz zum vergleichenden Denken unfähigen Kopfes; und ein unnützesLeben, wie das pietistische, gut zu heißen, beweist wenigstens einen Sinn, ^der in der politischen Oekonomie nicht weit gekommen sein kann. Warum, !fragt er, haltet ihr einen Mann für ein großes Genie, dessen Seele imReiche der Phantasie herumschwärmt und dichtet? Das tadelt ihr nicht;hingegen wenn ein phantasiereicher Kopf die Religion für einen würdigen l
Gegenstand hält und von ihr romanhafte Begriffe hat, den wollt !
ihr verbannen! Und gewiß mit Recht; denn der Eine wird im gewöhn- !
lichsten Falle ein Phantast auf eigene Hand, aber der Andere ein Schwär-mer, der Schwarm macht und fanatisirt, und die Phantasie auf Verhält- , ^niste und unter Menschen trägt, wohin sie nicht gehört. Es heißt denSchönheitssinn zu weit tragen, wenn man, wie Jung, die Ueberzeugun-gen der Hochmannianer, daß das Weltgericht bevorstehe, und daß sieden sicheren Zugang in die Stadt der Freiheit besäßen, wenn man dieseMonomanie für die süßeste Schwärmerei hält. Man muß dazu das guteHerz von Jugend auf und dabei jene Etourderie besitzen, die unsere.Auf-merksamkeit von den natürlichen Verhältnissen der Menschheit ablenkt, >
um nur die gute Seite bei allen Dingen zu sehen und die üble sich un- '
willkürlich zu verhüllen. Wer diese Gabe theilt, der wird allerdings indiesen Romanen oder Bildern der Wirklichkeit finden, daß das Lebenjener pietistischen Volksklasse poetische Elemente an sich in den Gesell- ^schaftsromanen seit den 00er Jahren in dem Maße verloren, wie sie sichaus dem übrigen Leben entfernten, so daß dann unter den Romantikern >die Flucht ins Mittelalter nöthig ward.
In weiteren Kreisen des deutschen Lebens als in diesen pietistischengab damals die Neuheit der geheimen Gesellschaften und das gespannteInteresse daran ein Poetisches und Wunderbares mitten in der nüchter-nen Gegenwart ab. In den letzten dreißig Jahren des Jahrhundertsentstand das Getriebe mit diesen Geheimordcn über ganz Deutschlandhin. Man wußte nicht woher und wohin; es erschienen Abgesandte un-bekannter Verbindungen mit eiteln Vorgebungen und Hirngespinnsten;die Neugier ward rege; man ließ sich betrügen und Zeit und Geld rau-ben, ohne dadurch klüger zu werden. Die Phantasie war einmal losge-bunden, und es widerholten sich Erscheinungen und Zustände, denen wirschon im 17. Jahrhundert begegnet sind. Die Aufhebung des Jesuiten-