Unmittelb. Einwirk. d. Wissenschaften u. Lebenszuständc. 249
gegen den Ruf des Freigeistes sicher zu stellen, den er in Elberfeld hatte,und nach der anderen gegen den des Pietismus. Im Anfang stehen da-her seine Schriften noch in einigem näheren Bezüge zu den Lebensver-hältnissen, wenn auch nur zu mehr örtlichen und privaten des Verfassersk selbst; später schrieb er einzelne, wie die Theodore von Linden, aus Geld-
> noth, andere aus Gewohnheit des Schreibens, so daß wir abermals
- dieselbe Erscheinung des Rückgangs haben wie bei den Wezel, Mülleri und Hermes. Die Geschichte des Herrn von Morgenthan (1779) schrieber für ^>ie Elberfelder, die ihn wegen seiner Lebensgeschichte im Verdachteines Freigeistes hatten, und er benutzt das Buch, um den Pietisteneinige schonende Lehren zu geben über ihre Absonderung von der Weltund ihren Mangel an Gemeinnützigkeit, einen Zug, den Jung nichttheilte, da ihn seine Geschicke allmählich unter die Menschen geführt hat-ten, und er von Natur einen Drang nach Wohlthun und nutzbarer Wirk-samkeit hatte. Was das Formelle angeht, so ist hier von dem ächten Geistder Naivetät in seiner Biographie nur noch ein Tropfen in einen EimerWasser aufgelöst. Es ist dieselbe Dürftigkeit und Wiederholung wie beiden Andern. Er hatte sich verführen lassen, im Morgenthan die neuefielding'sche Manier etwas nachzuahmen; im Florentin von Fahlendorn(1781) suchte er mehr zu seiner eigenen Stillingsmanier zurückzukehren.Aber dafür haben wir dem Thatsächlichen und den Tendenzen nach wie-der desto mehr Erinnerungen an die Lebensgeschichte. Im Theobald demSchwärmer (1784) ging seine Absicht dahin, mit Erlebnissen an sich undAnderen, aus denen er die Geschichte zusammensetzte, den Satz durchzu-führcn, daß der Weg zum wahren zeitlichen und ewigen Glücke zwischenUnglauben und Schwärmerei mittendurch gehe. Als Dichtungswerk be-trachtet haben wir auch hier wieder nichts als hingeworfenes Material,wieder Züge ans Jung's eigenem Leben und Erfahrung. ES war ihm,wie unfern geistlichen Liederdichtern und unfern frommen Malern, nichtder Mühe Werth seinen Stoff zu verarbeiten, der ihm an sich selbst inter-essant genug schien; er hatte nicht Muth, die Materie dichterisch zu ver-mißen, denn da es sich um die Mißbräuche des Pietismus handelt, sofürchtet er sich, wie er ausdrücklich sagt, der Sünde, das Geringste hin-zuzudichten. Wir haben also trockene Wahrheit hier; wir haben nochein Minus von Wahrheit, denn wo der Verfasser etwas recht Tolles undArges, Originalbriefe u. dergl. mitzutheilen hat, was den Pietismuslächerlich machen würde, da hält er es zurück. Aber auch das Mitge-theilte ist unglaublich genug! Und dennoch vertheidigt Jung diesesWesen! Er vertheidigt es aus demselben romantischen Sinn, aus dem