Nninittclb. Einwirk. d. Wissenschaften n. Lebcnsznstände. 24s
Ronsdorf das neue Jerusalem bauen und das tausendjährige Reichgründen; der Handwerksgesell Hochmann lehrte enthusiastisch in Jülich-Cleve-Berg, predigte in Elberfeld und Solingen, und dem Verfolgtengab Graf Kasimir von Berleburg ein Asyl. Hier bildete sich eine Zu-fluchtsstätte für Separatisten des verschiedensten Schlags, von hier gingdie mystisch-glvssirte Bibel von Hang aus, die weitverbreitete Wirkungenhatte. Der Schuster Rock aus Büdingen stiftete die Sekte der Jnspirir-ten; er zog als ein noch beredterer Prediger wie Hochmann in Nassauund Siegen umher, wo ihn ein Schüler der Guyon, Herr von Marsay,mitten in einer Predigt mit einem Eimer Wasser vom Parorismus undvom heiligen Geist zugleich heilte. Wie nun der äußerste Mystieismus,der sich durch diese Menschen hier im Volke scstsetzte, in Einzelnen zumgeraden Gegenthcile überglitt, kann man in eben diesen Gegenden nochlange vor den Zeiten beobachten, in denen wir stehen. Der berüchtigteArzt Christian Dippel hatte ja auch nach seinen vielen Jrrzügen in Berle-burg Zuflucht gefunden; er knüpfte seine mystische Morallehre zuletzt andie Theorien der neuen aufgeklärten Theologen, und Christus ward ihmeine gleichgültige Person. Sein Schüler Edelmann war unter den erstenverrufenen Freigeistern; auch Er war vom Mystiker zum Leser Spinoza'sund der englischen Deisten, zuletzt ein Spötter der Religion geworden.Aber diese Beispiele wirkten auf das Volk nicht herunter. Aberglaube,Pietismus, magische Wissenschaft und Charlatanismus aller Art reichtein den Gegenden, wo Joh. H. Jung (Stilling — aus der Gegendvon Siegen 1740—1817) geboren war, in die untersten Volksklassenherab, und in die ganz ähnlichen Zustände läßt uns Moritz in seinemAnton Reiser bis nach Hameln und Pyrmont hin blicken. Jung Stillingwuchs mitten in der Nachwirkung auf, die die Lehren jener Männerhatten. Er hörte von Hochmann erzählen, Rock'ö Predigten waren inseiner Heimath noch im Andenken; von Dippel, der in deren Nähe ge-lebt hatte, konnte er noch' mancherlei erfahren. Seine Familie war ganzvon diesem Geiste eingesteckt: sein Onkel grübelte über der Quadraturdes Cirkels, sein väterlicher Großvater hatte Visionen, sein mütterlicherwar ein Alchymist, und sein Vater hatte viel mit frommen Leuten und erselbst in früher Jugend mit Paraeelsisten und Böhmianern zu thun. Er-halte die Gelegenheit, den Pietismus und die Pietisten von ihren ÜbelnSeiten, die Freigeister der Zeit von sehr guten kennen zu lernen, er suchtesich daher in einer gewissen Mitte zwischen jenen Ertremen zu halten, dieaus den Ueberlieferungen seiner Heimat ihn berührten, und die ihm inseinem eigenen Leben später von der anderen Seite begegneten. Dennoch