Unmittelb. Einwirk. d. Wissenschaften u. Lebensznstänve. 237
auf diesem unzugänglichen Felde erst Boden gefaßt hatte, so fing sie ihrer-seits an, auch selbständig und ohne das lähmende Bündniß sich mit derReligion zu vertragen. Als das Charakteristischste finden wir deshalb bisin die 70er Jahre hin jenen Kreis gemäßigter Theologen, die die Offen-barung achteten, sie aber auf Vernunft zu gründen suchten. Hierauffolgten nun die allerentgegengesetztesten Wirkungen. Sie gingen denRechtgläubigen zu weit und waren ihnen zu schöngeistig, und diese wareneS im Grunde, die mit ihrem Eifer die erste Zwietracht stifteten. Siewaren umgekehrt den jungen Genies, den Herder und Lavater, zu lahmund zu unpoetisch, und diese versuchten mit den aus der Poesie undPhilosophie gewonnenen Waffen die Religion unabhängig von beidenzu machen. Bald spürte man schon eine neue Sekte von jungen Poeten,die ganz freigeistig gegen alles Christenthum sich auflehnte, aber sichnoch sehr im Stillen halten mußte. Desto lauter machte sich dagegenLessmg, der die positive Religion achtete, aber den kühnsten Forderungender Vernunft genug gethan wissen wollte. An ihn schlossen sich Planckund Spittler mit den Ergebnissen einer reinen Geschichtsbetrachtung,denen wenig zu widersprechen war, und nun trat Herder in einer anderenWeise aus eine Höhe theologischer Intelligenz, die innerhalb der Theologieund positiven Religion nie so weit getrieben war, und nie überschrittenwerden kann. Diese Skizze liegt der folgenden Ausführung zum Grunde,die wir so kurz als möglich halten.
Die gemäßigten Rationalisten, die wir noch in den 60er Jahrenfast unangefochten in unserer Theologie den Ton augeben sehen, hängenmit jenen Freunden der Bremer Beiträger, mit Mosheim und Aehnlichenzusammen, die selbst den wesentlichsten Bestandtheil unter ihnen aus-machen. Sie hatten ganz besonders in Preußen, und vorzugsweise inBerlin, einen Stütz- und Mittelpunkt. In dem Gegensatz gegen den frei-geistigen König und seine Franzosen waren sie selbst freidenkend gewor-den; sie hatten die englischen Deisten studirt, um ihren Einwürfen gegendas Christenthum zu begegnen; sie hatten die Bemerkung gemacht, daßsich diese Einwürse noch ganz gut mit dem Christenthume vertragen ; siefanden, daß die Offenbarung nur gefördert würde, wenn die Vernunft-und Naturreligion mit ihr übereiustimmte. Spalding hatte sich dahernicht bedacht, eine Schrift von Shaftsburp zu übersetzen, und dies hießHerder in seiner freisinnigsten Zeit gut, wo er sich wunderte, daß manalle die englischen Philosophen ohne Wahl in Einen Topf warf, daßman Shaftsburp einen Deisten nannte, ja daß man überhaupt denDeismus so verdächtigen mochte. Von jenen Engländern angeregt führten